Der Autor

Janna Steenfatt wurde 1982 in Hamburg geboren und absolvierte ein Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.

Sie erhielt mehrere Preise und Stipendien, so u.a. 2009 ein Aufenthaltsstipendium der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen, 2010 ein Aufenthaltsstipendium für das Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf, 2012 ein Werkstattstipendium der Jürgen-Ponto-Stiftung, sowie den Limburg-Preis der Stadt Bad Dürkheim und zuletzt 2013 ein Aufenthaltsstipendium der GEDOK Schleswig-Holstein.

Sie schrieb Theaterstücke und Erzählungen, die in Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht wurden und arbeitet derzeit an ihrem ersten Roman.

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| Janna Steenfatt | 3.5.2013

3.5.

Am Nachmittag kommt der Wasseruhrenaustauschmann auf den ich seit dem späten Vormittag warte. Er sagt etwas auf tschechisch und ich sage auf englisch, dass ich des Tschechischen nicht mächtig bin, aber er spricht einfach weiter tschechisch mit mir und läuft durch die Wohnung, offenbar die Wasseruhren suchend; er schaut in alle Räume, zeigt hier und dort hin, wundert sich, dass es nur eine Wasseruhr gibt, fragt mich, ob es nicht vielleicht doch irgendwo noch eine weitere geben könnte (nehme ich jedenfalls an) und ich nicke immer mal auf gut Glück oder zucke die Schultern, wie ich es bereits gelernt habe, weil es hier alle immer so machen, wenn ich sie auf englisch anspreche im Supermarkt beispielsweise: ein Sorry, ein Schulterzucken, dann Schweigen. Und sich gleichmütig abwenden, weil das eben so ist, weil man das schon gewöhnt ist, von den ganzen Touristen, deretwegen man in diesem Leben schon gar nicht englisch lernen wird. Der Wasseruhrenaustauschmann zeigt auf die Wasseruhr, die sich hoch oben befindet und macht eine Kletterbewegung, er braucht eine Leiter und ich bringe ihm die, die ich in der Waschkammer gesehen habe; man braucht gar keine Sprache.

Wenn ich nicht am Schreibtisch sitze, bin ich damit beschäftigt, keine Touristin zu sein. Ich gehe schnell und sehe mich nicht allzu oft um, ich trage keine Kamera vor dem Bauch und halte den Stadtplan nicht in der Hand; manchmal muss ich etwas nachschauen, dann krame ich ihn verstohlen hervor und stopfe ihn schnell wieder in die Tasche.
Ich werde grundsätzlich auf tschechisch angesprochen, was mich freut; dann zucke ich die Schultern oder nuschle etwas Unverständliches. Ich bleibe in der Neustadt und versuche, mich an Orten aufzuhalten, wo die Touristendichte möglichst klein ist. Ich esse meine mitgebrachten Stullen auf der Mauer am Moldauufer und lese Die Stille in Prag von Jaroslav Rudis. Ich sitze im Café in der Nova Scena, dem Neubau des Nationaltheaters, im Obergeschoss im Fenster, trinke Kaffee und sehe den Explosionstouristen zu.

Eine Freundin ruft an, ich freue mich sehr, ihre Stimme zu hören, merke mir aber plötzlich an, dass ich seit Tagen kaum gesprochen habe.
Warst du schon auf der Karlsbrücke? fragt sie.

Kurze Zeit später bekomme ich eine SMS von jemand anderem:
schon auf der Karlsbrücke gesessen und Bier getrunken?

Liebe Merle, lieber Lorenz, nein, ich war noch nicht auf der Karlsbrücke.
Uns Einheimische zieht es dort nicht so sehr hin.
Wir stehen lieber am Fenster, hören traurige Lieder, denken an euch, trinken Staropramen aus der Flasche und sehen uns die Karlsbrücke aus sicherer Entfernung an.

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