Der Autor

Chris Michalski lebt und arbeitet in Leipzig, wo er 2011-2013 am Deutschen Literaturinstitut studierte.

Texte von ihm werden als Theaterstücke, Hörspiele, Performances inszeniert, erscheinen auch in diversen Publikationen.

Mit verschiedenen Gruppen und Kollektiven entwickelt er außerdem Stücke und Performances, die auf Bühnen und in anderen Räumen aufgeführt werden.

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Blog

| Chris Michalski | 21.7.2026

aus dem Prager Tagebuch

1. Juni (Internationaler Kinder- und Weltmilchtag!)


ich bin hier in der Mitte. mitten im Raum. (rate mal welcher!) mitten in einer Zeit, die sicher schneller als alle denken zu Ende geht. (für dich trotzdem nicht schnell genug.)

manche Sachen sind genau so hier wie anderswo. auch hier habe ich ständig Hunger, glaube aber, dass ich eigentlich zu viel esse. (nicht dass ich mehr esse als andere. es essen praktisch alle zu viel. jede/r hat dafür ihre/seine Gründe. bis auf die, die zu wenig essen, praktisch gar nichts (nicht gesund!), als würden sie versuchen, einen Ausgleich zu schaffen für die Menschenmassen, die zu viel essen. das Problem ist, dass niemand uns sagt, wie viel wir essen sollen. es gibt für diese Info keine zuverlässige Quelle. oder es gibt zu viele. da, wo ich gerade bin (rate mal wo!), gibt es zum Beispiel sicherlich zahllose Bücher über das Thema. ich würde sie in der Zeit, die mir übrig bleibt, niemals alle lesen können, auch wenn ich sie lesen könnte, was ich nicht kann, obwohl ich mittlerweile (hier in der Mitte der Zeit angekommen) schon sagen kann, dass ich immer Hunger habe = mám vždy hlad.)


Hunger ist der Teufel.


ich sitze hier zusammen mit ungefähr 100 anderen Menschen. die alle, oder die allermeisten, zu viel essen. aber nicht da, wo wir gerade sind. hier müssen wir fasten. wir dürfen nicht mal trinken. manche tun es heimlich trotzdem. manche werden dabei erwischt. es passiert nichts. außer dass Baby-Engel von der Decke auf uns herunter fallen. sie sollen dekorativ sein.


noch ein Hinweis: verschiedene weitere Figuren, die keine Engel sind, und extrem ernsthaft, sogar qualvoll vor sich hinstarren, schauen ebenso auf uns von oben herab. jede hält einen Arm angewinkelt hinter dem Kopf, fast so als würden sie sexy ausschauen wollen, was ihnen überhaupt nicht gelingt. aber auch so, als würden sie die hohen Wände irgendwie stützen. was sie wahrscheinlich tun. ihre Haut ist glatt, farblos und monumental dreckig. UND sie haben alle keine Beine.

am anderen Ende des Raums ist ein riesiger Kachelofen, der auch eine Art Skulptur oder Denkmal ist. ich weiß nicht, wie man es nennen würde. ich weiß nicht, falls es ein Denkmal ist, wessen es gedenken soll.

ist irgendwo an diesem Ort ein roter Faden zu finden? falls ja, würde ich mich freuen. mir wäre egal welcher.

draußen ist es laut, wie man hier drinnen hört, weswegen ich mich nicht auf meine eigentliche Aufgabe konzentrieren kann (liegt aber auch an dem Hunger), obwohl wir eigentlich deswegen alle hier sitzen, jede/r für sich – um uns zu konzentrieren. wie machen es die anderen? wie halten sie es aus? wie soll ich in der Zeit, die mir übrigbleibt, das tun, wozu ich gekommen bin? wenn nicht hier, wo?

andere Fragen, die mich betreffen, aber wahrscheinlich nicht nur: wie treffe ich Entscheidungen? und wie setze ich dann die Entscheidungen, die ich getroffen habe, um? gegen alle inneren Widerstände? gegen den Teufel? der nicht will, dass ich die Entscheidungen umsetze, die ich getroffen habe?
welchen Fragen gehen die anderen Menschen hier auf den Grund? zwei, die vor mir sitzen, spielen ein online-Spiel, dessen Regeln und Ziele ich nicht begreife, obwohl ich stundenlang zuschaue.

entscheidet der Typ, der sich gestern von der sogenannten Slawischen Insel in den Fluss geschmissen hat, zu schwimmen? hat er eine Wahl?

im Grunde genommen passieren so viele unmögliche Dinge hier (nicht nur hier, sondern überall, aber auch hier!!!) so ständig, dass kein Platz mehr da ist für die möglichen. so wie jedes Mal, wenn eine Person diesen Raum betritt, wird jemand anders verdrängt. es geht nicht anders. man kann nicht Platz machen. auch wenn das Universum genau das ständig macht. (was war da, bevor es sich hinein ausgedehnt hat?)

als wäre der GAU nicht schlimm genug, da müssten wir auch noch die super Variante erfinden.
_______

jetzt sitze ich auf dem Bett im Schlafzimmer. es gibt zwei hier. und ein riesiges Wohnzimmer. ich kann nicht in allen Zimmern gleichzeitig sein. es ist Abend. spät. in der Nationalbibo ist es längst dunkel.

das

war

immer

mein

Traum

diese zwei Monate

von denen ich mich in der genauen Mitte befinde

jetzt

wir hinterlassen Träume. wie Tretboote in der Gestalt riesiger Schwäne, die du kurz sogar für Schwäne gehalten hast.

nicht inklusive. die sind nur bonusmäßig da.

ich bin nur bonusmäßig da. hier. wir alle. morgen ist noch ein Tag. so wie gestern. mal gucken.

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