
Halbfinale: VARgentinien – England 2:1
Am Tag nach der Halbfinalniederlage des großen Favoriten Frankreich blieb alles ruhig auf dem französischen Wochenmarkt auf der Prager Insel Kampa, gleich unter der Karlsbrücke. Die Wurstbrater, Weinverkäufer und Schneckenröster gingen ihren Geschäften nach, die Menschen kauften Käse, Baguette und Crèpes, nichts deutete mehr auf die Fußballkatastrophe des Vortags hin. Die Standbetreiber hatten nun auch ein großes logistisches Problem weniger, das Weh Emm Endspiel zeigen und sehen zu müssen, gleichzeitig aber auch die Marktstände abzubauen und den Platz auf der Prager Kleinseite in einem akzeptablen Zustand zu hinterlassen. Denn mit dem Anpfiff de Finales wird der jährlich stattfindende französische Markt abgepfiffen. Soll doch gewinnen, wer will, werden sie sich denken, wir gewinnen dann eben hier. Fußball? Was ist das?
England hofft und bangt
Anders sah die Lage natürlich für die Engländer aus, die sich hartnäckig als Heimat des Fußballs besingen, ohne dass der verlorene Sohn wirklich mal für längere Zeit zurückkehrt. Nun, die erste Halbzeit im Halbfinale gegen Argentinien war wirklich zum Vergessen, ein Glück, dass ich mir davon nur die letzten fünf Minuten angesehen habe. Die Ränge in der Kneipe des Vortags, benannt nach einem amerikanischen Schriftsteller, der für seine Alkoholeskapaden und Vulgarismen bekannt war – nein, nicht Hemingway -, waren besser gefüllt als am Vortag und das Geschlechterverhältnis des Publikums bewies, dass Fußball doch ein Männersport ist. Der Halbzeitanalyse entnahm ich, dass es zwei Verwarnungen gab, auf jeder Seite eine, keine Torschüsse und wohl auch keine Gewalt- oder VAR-Exzesse. Das Spiel war so weit schlicht zum Vergessen und jemand stellte dann auch den Ton ab, um uns die Interpretation des mühselig herausgeklaubten Analysebildmaterial zu ersparen.
Lebt noch jemand der '66er- Mannschaft?
Sind ja auch nicht unbedingt die Beredsten, all diese Alt-Internationalen, die Helden vergangener Niederlagen (zumindest was England betrifft). Wie viele Sieger von 1966 sind heute noch am Leben? Das war damals außerdem ein ganz anderer Sport, da durften Argentinien und Uruguay noch hemmungslos auf die Socken geben, da mussten sie ihre groben Fouls noch nicht verstecken, wenn sie, das muss man sagen, auch das bereits beherrschten. Ach Nostalgie, es gab noch keine gelben Karten, Franz Beckenbauer hatte den Libero noch nicht erfunden und spielte im Mittelfeld, es gab noch keinen VAR, ein sowjetischer Linienrichter, der ganz weit weg stand, durfte unwidersprochen ein Tor geben, das keins war, um so das Endspiel zu entscheiden.
England geht früh in Führung
Die zweite Halbzeit wurde dann viel besser, was zum einen an dem frühen Tor für England lag (gut zehn Minuten nach Wiederanpfiff), zum anderen an der verheerenden Taktik, die England anschließend wählte. England stellte sich von nun an hinten rein und überließ VARgentinien Ball und Spiel. Messi wich auf den rechten Flügel aus, denn in der Mitte war selbst für seine Dribbelkünste kein Durchkommen. So segelte Flanke um Flanke vor den Fünfmeterraum und Pickford konnte zunächst noch ein paar Bälle abwehren. Jeder konnte es sehen, dass das nicht mehr lange gut gehen konnte.
Englands Mauertaktik bestraft
Kurz vor Ablauf der regulären Spielzeit zappelte der Ball dann auch im Netz. Ein Schuss aus 20 Metern fand sein Ziel im Zwischenraum der drei Stangen. War der wirklich unhaltbar? So platziert war der Ball dann doch wieder nicht und Pickford hatte eigentlich gute Sicht. Bis zu einer möglichen Verlängerung waren es da noch gute zehn Minuten, während derer VARgentinien das Spiel komplett drehte. Nach einem Pfostenschuss konnte England den Ball nicht richtig klären, der von Messi postwendend an die Fünfmetermarke geschlagen wurde, wo er exakt zwischen zwei baumlangen englischen Verteidigern den Kopf eines Mitspieler fand. Das anschließende Aufbäumchen gegen die Niederlage war kaum der Rede wert, VARgentinien kann es also auch ohne den VAR und Messi ist so intelligent, zumindest auf dem Fußballplatz, dass er seine Rolle dem Spielverlauf anpassen kann. Das ist ein großer Vorteil gegenüber seinem ewigen Rivalen CR7 und qualifiziert ihn zum besten Spieler seiner Generation.
Tuchel fehlt die popkulturelle Grundbildung
Natürlich ging die Presse anschließend auf den Trainer T. Tuchel und dessen defensive Auswechslungen los. Zu sehr erinnerte die Dramaturgie an das 2021 verlorene Eh Emm-Finale gegen Italien. Damals traf England bereits nach drei Minuten und begann ungefähr ab Minute fünf das Ergebnis zu verteidigen. An all dem mag ja was dran sein, doch ist nicht eigentlich J. Bellingham daran Schuld, der den eigenen Trainer für seine Kritik nach dem mühsamen Viertelfinalsieg gegen Norwegen gescholten hat. Er wisse wohl nicht, wie es ist, im Klima von Miami nachmittags zwei Stunden (in Wirklichkeit sind es ja immer viel mehr) Ball und Gegner hinterherzulaufen?
„British people in hot weather“, Tuchel kannte wahrscheinlich die Songzeile von The Fall nicht. Mangelnde popmusikalische Grundausbildung für das Amt des englischen Nationaltrainers kann man Tuchel vorwerfen, sonst aber nicht viel. Ich schätze mal, den Engländern ist hintenraus einfach der Sprit ausgegangen, kein Wunder nach den Mammutsaisons der Spieler. Ein Messi kann sich auf seinem Altenteil in der nordamerikanischen MSL ganz gut ausruhen, ein H. Kane in der beschaulichen deutschen Bundesliga vielleicht auch, die anderen aber nicht.
Tja, damit ist meine These, dass die FIFA dem Fußball ab den Halbfinale freien Lauf lässt, weder bewiesen noch widerlegt, der VAR war es diesmal nicht, auch nicht im ersten Halbfinale. Warten wir also auf das Finale, in dem angeblich neben der größten popmusikalichen Leistungsschau des amerikanischen Starkults auch Fußball gespielt werden soll, so als Rahmenprogramm.