
Erwähnte Spiele: Achtelfinale: Brasilien – Norwegen 1:2, Mexiko – England 2:3, Spanien – Portugal 1:0, USA – Belgien 1:4
Das Leben schreibt immer noch die besten Geschichten, stopp, nein, der Fußball schreibt die besten Geschichten. Das kann man sich gar nicht mehr selbst ausdenken, das macht jeden Schreiberknecht arbeitslos, der die Aufgabe hat, etwas zu überzeichnen, damit es auch dem letzten schalbewehrten Stehplatzgröler klar wird. Worum geht’s? Was unbestritten bekannt ist: Der Obermaga von Trumpistan ruft beim Oberstrippenzieher des Weltfußballkartells an und lässt die Sperre eines Spielers nach einer roten Karte annullieren. Der Oberstrippenzieher veranlasst willfährig Notwendiges und der Obermaga posaunt seinen Interventionserfolg in seinen Privatmedium der ganzen Welt aus.
Der Telefonanruf, der den Fußball verändert
Aber wie sollen wir uns das Telefongespräch vorstellen? Etwa so:
(phone is ringing): - Hello? - Hi, it's me, Joe. - Oh, Don, the Obermaga. What a pleasure to hear you. How was your birthday party? What a pitty, that I couldn't come. - Yeah, it was great, best show in the world. One will never see some better, believe me. - Sure, sure. - I know, you're running that show in my country, you have to care about. But Joe, listen,we have an issue to solve, you know? - What Issue, oh Don, tell me, how can I serve you? - (A state secretary is humming in the background: „Hey Joe, where are you going with my gun in your hands?“) - I heard, you don't want us to win, Joe, is that true? - Oh no, Don, believe me, I would never, never... but it's sport, you cannot control it all. Though we're really trying hard. - Well Joe, I believe you this time. But Jack told me, that you're taking our best weapon, this (state secretary whispering: „Balogun“) balloon gun away. See, you cannot want us to shoot these bastards from EU-country and take our guns at the same time. Joe, you understand, what I mean? - Oh, Don, I see, this was that referee from Brazil, and there are rules in sport, but I will find a solution. - From Brazil? Joe, we have a good friend in Brazil (state secretary: „he is no longer in office“ - reply: „Joe doesn't know this“, with one hand covering the speaker), Jim told the CIA to collect material about him, if you need help. - I am sure, that I can solve the issue for you, but thank you for your offer. - And Joe, by the way, if they start to investigate, you know, we have the best investigators in the world, they are really hard to stop, they follow their trace all to the end, allover the world. Got the message? - Oh yes Don, you can rely on me, as always. - Fine, so, I see you in the final, but try to make it not so long. I don't want to sit there waiting for my moment longer than necessary. It's your show, but it's my country. You must never foget this.
Die Folgen des Telefonanrufs
Eine alte Erfahrung aus dem Profifußball sagt, es hat noch nie geholfen, wenn der Vereinspräsident sich in die Mannschaftsaufstellung des Trainers einmischt. Auch diesmal hilft der präsidiale Einfluss nicht; der Scharfschütze „balloon gun“, bisher drei Blattschüsse im Turnier, darf im Achtelfinale gegen Belgien zwar anlegen, kommt aber kaum zum Abschuss. Das eine Mal, kurz vor dem Ende des Spiels und aller Hoffnung, kann er Courtois, zweimaliger Welt-Torhüter, nicht erlegen. Mit den USA, die im Spiel seltsam blass blieben, scheidet auch der letzte Weh Emm Ausrichter aus dem Turnier aus.
Belgien ohne de Bruyne und Lukaku
Belgien beginnt ohne seinen Alt-Star K. De Bruyne, auch R. Lukaku sitzt zunächst auf der Bank. Die Maßnahme zahlt sich aus, das Spiel ist gleich viel schneller und variabler und bereits nach zehn Minuten führen die Belgier nach ihrer bereits dritten Großchance. Die USA kommen zwar nach einem schmeichelhaften Freistoß zurück, denn ein Belgier lenkt den an sich harmlosen Schuss ins eigene Tor ab, doch bereits zwei Minuten später führt wieder Belgien. Ein Stürmer geht links zur Grundlinie durch, flankt wunderbar an den langen Pfosten und de Ketelaer köpft gegen zwei etwas passive Verteidige sein zweites Tor. Belgien macht im Spielaufbau das, was nötig ist, die USA wirken rat- und etwas kraftlos.
Krasser Tormannfehler
Nach einer knappen Stunde schießt dann der US-goalie einen kapitalen Bock, er fängt beim Herauslaufen aus dem Strafraum einen langen Ball schön mit der Brust ab, doch versagt ihm beim Wegschlagen irgendwie das linke Bein den Dienst und er verliert prompt den Ball, den ein Belgier Richtung Tor schießt. Eigentlich hätte ein zurückgelaufenen Verteidiger diesen leicht abfangen können, doch er schlägt überhastet im Abdrehen am Spielgerät vorbei, das sich gemächlich seinen Platz im Netz aussucht. Das war es dann, nur mit äußerstem Wohlwollen kann man noch von einem Aufbäumen der USA sprechen, der eingewechselte Lukaku macht in der Nachspielzeit nach einem Abwehrfehler im Spielaufbau das Ergebnis deutlich: 1:4. Tja, Präsidenten und Aufstellungen...
Brasiliens Dilemma
Am Tag zuvor spielt Brasilien gegen Norwegen. Brasilien, der ewige Favorit auf den Titel, der Rekordweltmeister, Pelé (RIP), Romario, Ronaldo, Rivaldo, Ronaldinho... wo ist das jogo bonito („... O termo descreve um estilo de jogo caracterizado por habilidades individuais, passes criativos, fluidez e alegria em campo“, das braucht wohl keine Übersetzung) abgeblieben? Wann ging es verloren? Nach in den 1980er Jahren war die brasilianische Mannschaft der Inbegriff dessen mit Spielern wie Socrates, Zico, Carecas – leider aber ohne Erfolg. 1982 brachten unzählige Fouls in den Spielen gegen Argentinien und Italien das jogo bonito zu Fall, 1986 ein überragender M. Platini, der dann im Halbfinale am Realismus von Deutschland zerschellte.
Das Ende des jogo bonito
Beim Weh Emm-Sieg 1994 war das jogo bonito noch zu sehen, doch da bereits in einen alles beherrschenden Zweck eingehegt. Vorne sorgten die Freigeister Ronaldo und Bebeto für die nötigen Tore, und wenn selbst die im Endspiel fehlten, zeigten sich die Spieler als nervenstarke Elfmeterschützen. 2002 war es Rivaldo, der die Mannschaft anführte, und ein Ronaldo im Zenith seines Schaffens, der für die Tore sorgte. Hier zeigte sich aber bereits die Ermüdung des jogo bonito, die Spieler verdienten ihr Brot weitgehend in Europa und Ronaldinho war anschließend der letzte, der den alten Kontinent mit typisch brasilianischen Tugenden von den Sitzen riss. Sein Epigone Neymar verkaufte seine Karriere für 222 Millionen Euro an Katar und war nicht fähig, seine Mannschaft bei der Heim-Weh-Emm (2014: das Debakel von Belo Horizonte; zugegeben, Neymar musste verletzt zuschauen). Heute ist da Vinicius jr., der aber nur dann glänzen kann, wenn sein Trainer ihm den im europäischen Championsleague-Fußball unüblich gewordenen Freiraum gewährt. Konsequenterweise hat Brasilien für diese Weh Emm dann auch den früheren Vereinstrainer von Vinicius jr., C. Ancelotti engagiert, aufgewachsen als Spieler in Italiens strenger Taktikpresse, aufgeblüht als Trainer v.a. bei den Königlichen in Madrid, wo nur Erfolg hat, wer die Kunst der langen Leine für Starspieler beherrscht.
Haaland unwiderstehlich
Brasilien spielt heute wieder etwas besser Fußball, hebt sich in diesem Punkt aber kaum mehr von Norwegen ab, den ehemaligen Holzfüßen. Das ist lange her und Norwegen reicht in diesem Spiel ein überragender Torwart (ein parierter Elfmeter und weitere Glanzparaden) sowie E. Haaland. Seinen ersten Treffer, ein Kopfball nach Flanke von links, kann kein Verteidiger der Welt verhindern, dazu müsste er schon 2,20m groß sein und 150kg wiegen. Etwas später lassen die Brasilianer Haaland an der Sechzehnmeterlinie etwas Raum – der ist ja fast am äußersten Rand, von da wird er doch nicht etwa sch..., oh Gott, er schießt und so gut, dass der Ball flach ins lange Eck rauscht. Der Treffer erinnert an Ronaldos zweites Tor im Finale 2002 gegen Deutschland, spiegelverkehrt, das heißt von der anderen Strafraumkante und mit dem anderen Fuß. Das Spiel ist durch, das wissen alle, von Ancelotti bis zum Zeugwart. Ancelotti bringt in seiner Großmut dann tatsächlich Neymar und der Schiedsrichter findet in der Nachspielzeit der Nachspielzeit noch einen Anlass, Brasilien einen zweiten Strafstoß für den großen Abgang von Neymar zu gewähren. Der trifft tatsächlich, Norwegen wird es aber wenig stören und wartet auf den Sieger zwischen England und Mexiko.
Legende Aztekenstadion
Darauf wartet es eine Stunde länger als geplant, denn das Spiel im legendären Aztekenstadion in Mexiko – nach dem teilweisen Abriss des alten Maracana-Stadions in Rio de Janeiro die heute bedeutendste Kultstelle des Fußballs weltweit – muss wegen Gewitters um eine Stunde verschoben werden. Uff, denke ich, statt um 2h morgens um 3h, aber da muss ich durch, das Spiel will ich auf keinen Fall verpassen. Ich habe also Zeit, mich daran zu erinnern, was dieses Stadion alles gesehen hat. Pelés dritten Weltmeistertitel, zünftig mit einem eigenen Tor beim 4:1 gegen Italien. Maradonas Hand Gottes 1986, aber auch das unwiderstehlichste Solo aller Zeiten. Deutschlands vergebliche Aufholjagd im Finale des gleichen Jahres, das dann doch Maradona mit einem Traumpass auf Burruchaga entschied. H.-P. Briegel („die Walz von der Pfalz“), Zehnkämpfer und Fußballprofi des 1.FC Kaiserslautern, bekannte zu seinem 60. Geburtstag, dass er immer noch davon träumt, wie er in dieser Szene seinem Gegenspieler hinterherjagt und ihn nicht einholen kann.
Gleich Volldampf im Spiel
Um 3h pfeift der Schiedsrichter das letzte Weh Emm-Spiel im Aztekenstadion an und Pickford muss gleich mal einen schönen Kopfball in die Ecke von der Linie kratzen. Auch wenn ich mich kaum wachhalten kann, das Aufbleiben lohnt sich, Bellingham wird mit einem Doppelpack nach einer halben Stunde zum matchwinner des Spiels. Er haut dann auch noch einen Ball von der Linie – dafür sollte es auch einen scorer-Punkt geben. Mexiko gelingt noch vor der Pause der Anschlusstreffer und beinahe sogar der Ausgleich. Auch die zweite Hälfte ist alles andere als langweilig, ein Engländer fliegt mit glatt Rot vom Platz, dennoch erhöhen sie durch einen Elfmeter (natürlich Kane), fangen sich kurz darauf aber wieder den Anschlusstreffer (wieder ein Elfmeter) und sehen sich eine halbe Stunde lang einer intensiven Abwehrschlacht ausgesetzt, bei der der Ball einfach nicht ins englische Tor will. Mexiko scheidet wie gewöhnlich im Achtelfinale der Weh Emm aus, England trifft im Viertelfinale auf Norwegen.
Feiertag in Prag
Der folgende Tag, ein Montag, ist in Tschechien der Gedenktag an die Verbrennung von Jan Hus beim Kirchenkonzil in Konstanz am 6.7.1415. Niemand arbeitet, Prag ist gesäubert von Einheimischen, nur wenige Touristen treiben sich in den touristischen Heißpunkten herum, wie ich mich am Vorabend vergewissere. Der Hradschin ist nur mäßig frequentiert, selbst auf der Karlsbrücke kann man ohne Gedränge die Statuen studieren. Auffallend sind nur die Gruppen jugendlicher Fans im spanischen Trikots, wo werden die wohl schauen? In der Jugendherberge? Ich versuche public viewing, Fred's Bar ist leider leer, Přemeks Schenke sogar geschlossen. Ich lande bei mir um die Ecke, die „Zur kleinen Axt“ heißt. Dort steht eine handvoll Männer am Tresen und schaut auf den Bildschirm in der Ecke. Statt dem Reporter singt ein Radio einen Beatles-Song, einen der langsamen, im Hinterzimmer üben ein paar Musiker tschechische folkové pisničky. Der Wirt versucht mit einem Wettspiel das Geschehen zu beleben, mich fragt er aber nicht. Einer bemerkt, der Fußball geht „nach oben und unten“ (in wörtlicher Übersetzung), ich kann ihm da nicht ganz folgen. Ja, einige wenige Chancen gibt es, doch das Spiel Spanien gegen Portugal ist eher von der Taktik geprägt, würde ich sagen, beide Mannschaften kennen sich einfach zu gut. Ich zahle mein Bier noch vor der Halbzeitpause und gehe nach Hause.
Später Treffer für Spanien
Alles deutet auf ein 0:0 hin, ich möchte aber keine Verlängerung, sondern ins Bett. Zum Glück findet ein Spanier in einem erleuchteten Moment seinen Mittelstürmer mit einem Traumpass in der Spitze, der frei vor dem Torwart die Nerven behält. Das ist kurz vor Schluss der Siegtreffer, Spanien ist durch und C. Ronaldo draußen. Natürlich drängt sich dann die übliche Frage auf, wäre Portugal nicht ohne ihn besser gewesen? Ich denke, ja, aber mich fragt ja keiner. Ist mir auch egal und bin mir fast sicher, das CR 7 in vier Jahren bei der Weh Emm in Spanien, Portugal, Marokko sowie einigen Spielen in Uruguay, Paraguay und Chile (oder war es Peru?) dort wieder auftaucht. Einer wie er kann auch mit dann 45 Elfmeter verwandeln.