Der Autor

Gerd Lemke, Jahrgang 1969, lehrte als Lektor für Germanistik an der Karls-Universität in Prag und lebt dem eigenen Empfinden nach eigentlich schon zu lange in der tschechischen Hauptstadt. Nach einem zweijährigen Auslandsaufenthalt im Kosovo kehrte er dennoch freiwillig zum "Mütterchen mit den Krallen" an die Moldau zurück.

Seinen Geburtstag teilt er mit dem Europameister von 1980, Karl-Heinz Förster. Er ist leidenschaftlicher Literat, glaubt wie Albert Camus, alles im Leben durch das Fußballspiel gelernt zu haben, hat aber im Gegensatz zum großen Existenzialisten nur ein einziges Spiel als Torwart bestritten. Ansonsten tritt er regelmäßig für Partisan Prague gegen das Leder und trifft als stellungssicherer Verteidiger auch schon mal das eine oder andere Schienbein. Für sein Lieblingsteam, die sporadische Zusammenkunft Umělecká Letná, hilft er gerne und treffsicher im Sturm aus.

Im Jahr 2006 hatte er bereits das Sommermärchen in Deutschland und und seit dem alle zwei Jahre die großen Fußballtourniere von Prag aus beobachtet und kommentiert, mit einer täglichen Kolumne für Tschechien Online.

Für prag aktuell ist er bei der Fußball-WM 2026 in den USA, Mexiko und Kanada wieder hart am Ball, wenn es um Tricks, Täuschungen und Taktik im weiteren Sinn geht: Sportsfreund Gerd Lemke.

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| Gerd Lemke | Rubrik: Sport, Fußball | 18.12.2022

Kroatien wird diesmal Dritter

WM-Kolumne aus Prag (8): Bitte nicht das Spiel um Platz drei abschaffen! Das sind die schönsten Momente der WM, findet Gerd Lemke

Spiel um Platz drei, meistens der schönste Moment einer WM. Zwei Mannschaften lassen es weniger taktisch diszipliniert angehen, zwei Mannschaften, die es nicht ganz ins große Finale geschafft haben, möchten sich positiv aus dem Turnier verabschieden, lassen häufig ein paar Spieler auflaufen, die sich im Verlaufe des Turniers nicht so in den Vordergrund haben spielen dürfen, oder verabschieden einige großartige Spieler, die ihre Karriere in der Nationalmannschaft beenden.

2018: Unter der Würde Englands

Meistens kommen dabei ansehnlich Spiele mit schönen Toren und Szenen heraus. Ausnahmen davon gibt es auch, vor vier Jahren war es unter der Würde der englischen Mannschaft an diesem Spiel teilzunehmen, sie trat nur an, weil sie musste und verlor prompt. So erreichte England den vierten Platz mit drei Niederlagen in sieben Spielen. Als Gesamtbilanz ist das eher durchwachsen.

Was sollte man aber von Kroatien gegen Marokko erwarten, können beide Mannschaften überhaupt erfrischenden Offensivfußball spielen? Oder würde Marokko um des maximalen Erfolgs Willens das Vorrundenspiel wiederholen wollen, das ohne Tore und große Höhepunkte endete?

Frühe Tore lassen hoffen

Ich trank noch meinen ersten Glühwein, um mich von der winterlichen Schlittentour mit meiner Tochter aufzuwärmen, da fielen schon zwei Tore, auf jeder Seite eines. Dem marokkanischen Tor war, wie so oft in diesem Turnier, ein grober Abwehrfehler vorausgegangen. Kroatien bestimmte im Wesentlichen das Spiel und ging dann noch vor der Halbzeit wieder in Führung. Meine Tochter sagte mir: „Ich will, dass Kroatien hat gewonnen.“ Ich verbesserte sie zu „dass Kroatien gewinnt“ und nahm mir vor, das Futur II erst später zu erklären. Stattdessen lobte ich sie: „Sehr gut, du bist ja auch eine halbe Kroatin.“ - „Ich will aber so sein wie du, Papa!“ - „Das bist du ja, du bist ja auch eine halbe Deutsche.“ Das beruhigte sie und ich beneidete sie für die Auswahlmöglichkeit.

Flick simuliert Selbstkritik

Sie konnte sich über den dritten Platz freuen, während ich später lesen musste, dass Bundestrainer Flick 2023 den Torhütern ter Stegen und Trapp eine Chance geben möchte. Kunststück, dachte ich nur, Neuer wird bis nächste Saison nicht mehr spielen und ob er dann je wieder der Alte wird, weiß man nicht. Außerdem wolle Flick mit Müller reden – ja, worüber denn bloß? Will er ihn überreden, weiter zu machen, sich als falsche Nummer 9 für die Mannschaft aufzuopfern?

Ich habe ein böses déja vu, hatte sich nicht vor exakt vier Jahren, etwa zur selben Jahreszeit, Joachim Löw erklärt, von Arroganz gesprochen, die „man“ an den Tag gelegt hatte – oder hatte er den pluralis majestatis verwendet und von „wir“ gesprochen? Nicht ein einziges Mal fiel ein Satz wie: „Ich war arrogant, ich habe den ersten Gegner nicht analysiert, mich hat nur interessiert, dass Neuer rechtzeitig fit wird, ich habe nicht gesehen, dass die meisten nicht mehr mit Özil zusammenspielen wollten,...“ Und nun Hans-Dieter Flick, eine Fehleranalyse ohne eigene Fehler.

Marokko gleich im Rudel

In der zweiten Hälfte vergaßen die Marokkaner vollends die ungeschriebenen Regeln des Spiels um Platz drei, sie bildeten mehrmals Rudel um den Schiedsrichter aus Qatar, der dieses Spiel stellvertretend für sein Land geschenkt bekommen hatte. Der Qatari wollte ohne gelbe Karten auskommen, das gelang am Ende aber nicht, trotz längerer Diskussionen. Als Konzession dafür verweigerte das gesamte Schiedsrichterteam die Überprüfung eines recht klaren Elfmeters für Kroatien und hielt das Spiel bis zum Schlusspfiff spannend, wenn auch nicht auf besonders hohem Niveau. Kroatien holte den dritten Platz, was meine Tochter aber schon nicht mehr interessierte.

Marokko wie Südkorea 2002

Marokko wurde verdient vierter. Irgendwie erinnerte mich das an 2002, als Südkorea dank winidiger Abseitsentscheidungen durchs Achtel- und Viertelfinale gegen Spanien bzw. Italien durchgewunken wurde, um dann aber nicht mehr als den vierten Platz abzubekommen. Südkorea ist zwar regelmäßiger WM-Teilnehmer, doch außer einigen Achtungserfolgen (2018: trotz schlechten Fußballs 2:0-Sieg gegen Deutschland) endete Südkorea unter „ferner liefen“.

Zum Schluss kommt noch K.-H. Rummenigge

Nun gut, ein 2:1 ist für ein Spiel zwischen Kroatien und Marokko „beinahe so etwas wie ein kleines Torfestival“, um ein berühmtes Zitat von K.-H. Rummenigge zu paraphrasieren, der sich mal wieder hat breitschlagen lassen, nichts Geringeres zu unternehmen als den deutschen Fußball zu retten, möglichst noch vor der Heim-EM in eineinhalb Jahren. Rolex-Kalle, wie er in manchen Foren despektierlich genannt wird, wird dem „Hansi“ Flick schon so etwas wie ein klein wenig Selbstkritik ans Herz legen. Beinahe.

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