Der Autor

Gerd Lemke, Jahrgang 1969, lehrte als Lektor für Germanistik an der Karls-Universität in Prag und lebt dem eigenen Empfinden nach eigentlich schon zu lange in der tschechischen Hauptstadt. Nach einem zweijährigen Auslandsaufenthalt im Kosovo kehrte er dennoch freiwillig zum "Mütterchen mit den Krallen" an die Moldau zurück.

Seinen Geburtstag teilt er mit dem Europameister von 1980, Karl-Heinz Förster. Er ist leidenschaftlicher Literat, glaubt wie Albert Camus, alles im Leben durch das Fußballspiel gelernt zu haben, hat aber im Gegensatz zum großen Existenzialisten nur ein einziges Spiel als Torwart bestritten. Ansonsten tritt er regelmäßig für Partisan Prague gegen das Leder und trifft als stellungssicherer Verteidiger auch schon mal das eine oder andere Schienbein. Für sein Lieblingsteam, die sporadische Zusammenkunft Umělecká Letná, hilft er gerne und treffsicher im Sturm aus.

Im Jahr 2006 hatte er bereits das Sommermärchen in Deutschland und und seit dem alle zwei Jahre die großen Fußballtourniere von Prag aus beobachtet und kommentiert, mit einer täglichen Kolumne für Tschechien Online.

Für prag aktuell ist er bei der Fußball-WM 2026 in den USA, Mexiko und Kanada wieder hart am Ball, wenn es um Tricks, Täuschungen und Taktik im weiteren Sinn geht: Sportsfreund Gerd Lemke.

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| Gerd Lemke | Rubrik: Sport, Fußball, Panorama | 25.6.2024

Luka Modrić im Zentrum der Tragödie

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Kroatien gegen Italien, das klingt schon nach einem k.o.-Spiel, auch wenn es sich noch um ein Gruppenspiel handelt. Kroatien muss einfach gewinnen, dann ist es durch, wahrscheinlich als Gruppenzweiter. Italien reicht hingegen ein Unentschieden, die Konstellation ist glasklar und der Gegner für das Achtelfinale steht für eines der beiden Teams auch schon fest: die Schweiz.

Italien lässt kalt

Es gab mal Zeiten und Turniere, da hätte dieses Spiel Emotionen bei mir ausgelöst. Italien vielleicht schon in der Vorrunde raus? Das wäre, ja wäre eine tolle Sache. Aber, Hand aufs Herz, das wird nicht geschehen. Solch ein Spiel verliert Italien nicht. Und dann kam 2010, ein Spiel gegen die Slowakei und ein Tor des Bundesliga-Stürmers Vitek vom 1.FC Nürnberg und der Titelverteidiger war draußen. Danach kamen noch zwei verpasste WM-Qualifikationen, ein deutsches Weiterkommen gegen Italien in einem k.o.-Spiel (hatte es zuvor nie gegeben), natürlich auch eine gewonnene Eh-Em, die von 2020, ausgespielt 2021 – und Italien lässt mich mittlerweile kalt.

Kroatische Kommunität verschwunden

Ich versuche sogar einen geeigneten Platz fürs öffentliche Zuschauen zu finden, habe aber keinen Erfolg. Die einst gar nicht so kleine kroatische Kommunität in Prag 7 ist nicht mehr aufzufinden, deren Versammlungsorte mit Bierausschank sind teilweise ganz verschwunden und mit den vorgefundenen Visagen, hinter denen ich Interesse an dieser Begegnung vermute, möchte ich mich lieber auf keine emotionale Achterbahnfahrt begeben. Meine Tochter, der ich vielleicht ein wenig Interesse hätte abgewinnen können, ist im Schullandheim, also nicht in Prag und deren kroatische Mutter wie meist desinteressiert im Bett. Mit ihr hätte ich sowieso nicht geschaut.

Ich schaue also zu Hause an dem Allzweckgerät und sehe haargenau das erwartete Spiel. Kroatien bemüht im Vorwärtsgang, Italien defensiv und auf gelegentliche Konter lauernd. Kurz wird Spaniens Siegtor gegen Albanien eingeblendet, womit klar ist, dass sich die Dramaturgie des Abends ausschließlich auf Kroatien und Italien verengt.

Italien – Kroatien 1942

So interessante wie nützliche Informationen, dass Italiens einziger Sieg gegen Kroatien aus dem Jahr 1942 stammt und die meisten Spiele gegeneinander Unentschieden enden, sorgen für etwas Kurzweil in dem Geschehen. 1942 war die faschistische Welt noch in Ordnung, da konnten anscheinend ein paar Länder in Länderspielen noch Normalität im Weltkriegsgeschehen simulieren. Im Winter kam dann Stalingrad und das Aus der braunen Weltherrschaftsträume. Heute sind Italien und Kroatien, frei nach Gerhard Schröder – spielte auch seine Rolle als großer Fußballfan - vorbildliche Demokratien, der Fußball frei von Doping und das Fußballgeschäft über jeglichen Verdacht der Korruption erhaben.

Modrić macht's nicht und dann doch

Wie dem allem auch sei, Kroatien geht Mitte der zweiten Halbzeit in Führung. Modrić verschießt einen Handelfmeter, mir war gleich unwohl, als ich sah, dass er antrat, da war doch schon mal was, 2016, glaube ich, ein verschossener Elfmeter und dann doch das Siegtor – oder war das 2018? Egal, Modrić macht es noch einmal genauso und schießt Kroatien eine halbe Minute nach dem Elferfehlschuss ins Achtelfinale. So hoffen zumindest die Kroaten. Italien wechselt augenblicklich die Taktik und greift an. Wie von der Leine gelassene Bluthunde jagen sie auf das Tor zu. Kein Wunder, der Trainer hat ihnen ja wahrscheinlich seit der zweiten Halbzeit des Albanien-Spiel das nachhaltige Spiel nach vorne strengstens verboten. Etliche vogelwilde Szenen im kroatischen Strafraum lassen erahnen, dass das nicht bis zum Ende gut gehen kann.

Modrić geht, Majer kommt

Auch dieses Spiel beruhigt sich nach einer Weile etwas und Kroatien steht wieder sicherer. Dann geht Modrić runter, Majer kommt, um den Vorsprung über die Zeit zu bringen. Das Ende vom Lied, natürlich trifft Italien doch noch, und – wie kitschig das auch immer ist – das mit der allerletzten Aktion. Wieder lässt sich Kroatien am Ende die Butter vom Brot nehmen. Ich denke an den Spruch, der Rumäne ertrinkt immer am Ufer. Doch diesmal nicht nur der. Die Kroaten sollten sich aber die ernsthafte Frage stellen, wie es sein kann, dass man sich in einem Spiel, in dem es nur noch darum geht, etwas Zeit von der Uhr zu nehmen, auskontern lassen kann? Unfassbar! Im Achtelfinale spielt die Schweiz gegen Italien und Kroatien ist ausgeschieden – zwar noch nicht rechnerisch, aber bei 2 mickrigen Pünktchen und -3 Toren hoffen wohl nur noch die Augenzeugen Jesus Auferstehung auf ein Weiterkommen.

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