prag aktuellprag aktuell | Rubrik: Kriminalität | 6.2.2014
Vierfachmord von Brünn: Junger Amerikaner beteuert seine Unschuld - und kämpft in den USA gegen seine Auslieferung
Kevin Dahlgren

Prag - Der neuerliche Schuldspruch im Mordfall Meredith Kercher und die Verurteilung von Amanda Knox zu einer hohen Haftstrafe sorgten in der vergangenen Woche weltweit für ein großes Medienecho und werfen nicht zuletzt die Frage einer möglichen Auslieferung der US-Amerikanerin an Italien auf.

Auch in Tschechien ist das Interesse an dem Fall sehr groß. Allerdings ruft aus tschechischer Perspektive die Entwicklung in der Causa Amanda Knox fast zwangsläufig Assoziationen an ein Verbrechen hervor, das im Mai vergangenen Jahres die Tschechische Republik weit über den Tatort hinaus erschütterte: der mysteriöse Vierfachmord von Brünn an der Familie Harok.

Gemetzel am helllichten Tag zerstört Vorstadtidylle   

Am späten Abend des 22. Mai 2013 entdecken Nachbarn in einem Einfamilienhaus im noblen Neubauviertel Brno-Ivanovice vier Leichen. Bei den Toten handelt es sich um eine beliebte und unauffällige bürgerliche Brünner Familie: Die Lehrerin Veronika Haroková (43), ihren Mann Ivan Harok (55) und ihre beiden Söhne Filip (25) und David (16).

Wie die Ermittlungen der Mordkommission später ergeben, wurden die vier Familienmitglieder im Laufe des Tages nacheinander, zum Teil mit mehreren Stunden Zeitabstand in ihrem Haus auf äußerst brutale Art und Weise getötet. Alle Opfer weisen Dutzende schwere Hieb- und Stichverletzungen einschließlich in Kopf und Gesicht auf. Verletzungen, die auf Abwehrhandlungen schließen lassen, finden die Kriminalisten nicht.

Der Versuch, die Bluttat zu vertuschen und die Spuren des Verbrechens durch Brandlegung zu verwischen, gelingt nur zum Teil, tatsächlich ruft die Rauchentwicklung des Schwelbrandes die Nachbarn auf den Plan und führt gegen 22 Uhr zur Entdeckung der stellenweise angekohlten Leichen in der Garage des Hauses.

Spuren deuten auf einen heimtückischen Angriff hin

Dringend der Tat verdächtig ist für die Ermittler schnell der damals 20-jährige Amerikaner Kevin Dahlgren. Seit drei Wochen erst wohnt er bei der Familie Harok. Dabei gehört der aus Sacramento in Kalifornien stammende Gast zur weiteren Verwandtschaft der Familie. Veronika, die Lehrerin, war Kevins Cousine, und zwar die Tochter der Schwester von Kevins Mutter, deren Familie ein Jahr nach der kommunistischen Machtübernahme in der Tschechoslowakei 1948 nach Übersee emigriert war.

Der genaue Grund des Aufenthalts in Brünn sowie die geplante Dauer der Einquartierung von Dahlgren bei den Verwandten sind unklar. Tschechische Medien berichten über nicht weiter spezifizierte angebliche "psychische Probleme" des jungen Mannes. Auf seinem Facebook-Profil jedenfalls bot Dahlgren in Brünn seine Dienste als Englischlehrer an und gab Zeugenaussagen nach auch tatsächlich Unterricht.

Noch vor der Entdeckung der Leichen flüchtet Kevin Dahlgren am Nachmittag des 22. Mai Hals über Kopf - vom Tatort, aus Brünn, aus der Tschechischen Republik, schnell weg in die Heimat.

Die Überwachungskamera des Hauses filmt ihn, wie er um 14.30 Uhr das Haus der Familie Harok verlässt. Zu diesem Zeitpunkt waren nach polizeilichen Erkenntnissen bereits alle Familienmitglieder tot. Als letztes wurde der 16-jährige Sohn David getötet. Er traf auf seinen Mörder, als er gegen 12.30 Uhr aus der Schule nach Hause zurückkehrte. Der Schüler wurde per SMS und einer Verabredung zum Joggen von Dahlgren in die Falle gelockt, sind sich die Ermittler sicher.

Born in the USA - Flucht in die USA

Kevin Dahlgren fährt mit dem Autobus um kurz nach halb drei ins Stadtzentrum von Brünn und lässt sich von dort mit einem Taxi über die Landesgrenze zum 140 Kilometer entfernten internationalen Flughafen nach Wien bringen.

Als die tschechische Kriminalpolizei gegen Mittag des 23. Mai eine internationale Fahndung nach dem mutmaßlichen Mörder herausgibt, hat er bereits die Passkontrolle des Flughafens Wien-Schwechat passiert. Dahlgren gelangt unbehelligt an Bord einer Maschine der Austrian Airlines mit Flugziel Washington D. C. Um 10.25 Uhr verlässt er mit Flug OS93 Wien.

Gegen 13 Uhr wird die Flugzeugcrew darüber informiert, dass sie einen Mann an Bord hat, der wenige Stunden zuvor eine ganze Familie hingemetzelt haben soll. Die Maschine überfliegt bereits Großbritannien. Um Passagiere und Crew keiner Gefahr auszusetzen, sehen die Piloten von einer Zwischenlandung oder Umkehr ab, und beschließen, den Flug stattdessen dem Anschein nach möglichst planmäßig nach Washington fortzusetzen.

Am 23. Mai direkt nach der Landung in Washington wird Kevin Dahlgren am Dulles International Airport von Beamten des FBI vorläufig festgenommen. Grundlage dafür ist ein vom Brünner Stadtgericht erlassener internationaler Haftbefehl. Zwar endet damit Dahlgrens Flucht, doch ist es ihm gelungen, sich dem direkten Zugriff der tschechischen Justiz bis auf Weiteres zu entziehen. Der Justizpoker um Kevin Dahlgrens Auslieferung beginnt.

Schnell wird klar: Für Kevin Dahlgren geht es in der Frage der Auslieferung oder Nichtauslieferung von Anfang an um alles oder nichts: Wird er nach Tschechien ausgeliefert, droht ihm im Falle einer Verurteilung eine lebenslange Haftstrafe. Wird er nicht ausgeliefert, kann er in den USA für die ihm zur Last gelegten Verbrechen nicht belangt werden.

Auslieferung: Gelingt Tschechien das noch nie Dagewesene?

In einem Interview mit der in Prag erscheinenden Tageszeitung Lidové noviny weist der für internationale Strafsachen zuständige Mitarbeiter des Prager Justizministeriums, Jakub Pastuszek schon wenige Tage nach dem Mord auf die Schwierigkeiten des bevorstehenden Auslieferungsverfahrens mit den USA hin. Zwar gebe es in den USA kein gesetzliches Hindernis, die eigenen Staatsbürger ausländischen Justizorganen zu übergeben, allerdings sei die US-Auslieferungspraxis sehr restriktiv.

Sollte einem Auslieferungsantrag der tschechischen Behörden nicht stattgegeben werden, würde dies sogar dazu führen, dass Dahlgren auch vor der US-Justiz in Sicherheit wäre. Denn in den USA könnte ihm nicht der Prozess gemacht werden. "Es gilt der Grundsatz der sogenannten Territorialität, was bedeutet, dass nur Straftaten verfolgt und geahndet werden können, die auf dem Territorium der USA begangen wurden", so Jakub Pastuszek in dem Interview. Und bisher wurde noch nie ein US-Bürger tatsächlich an ein tschechisches Strafgericht übergeben, konstatiert Pastuszek.

Die tschechische Öffentlichkeit ist geschockt. Während die Brünner Kriminalpolizei den Eindruck erweckt, genügend unumstößliche Beweise für die Täterschaft Kevin Dahlgrens zu haben, beteuert dieser in den USA seine Unschuld. Und mit Theodore Simon beauftragt er einen medienerfahrenen Staranwalt und Experten in Auslieferungsverfahren als seinem Rechtsvertreter in den USA. Der Name von dessen prominentester Mandantin: Amanda Knox.

Tschechische Behörden arbeiten unter Hochdruck

Nach dem tschechisch-amerikanischen Auslieferungsabkommen haben die tschechischen Behörden 60 Tage Zeit, ein offizielles Auslieferungsgesuch einzureichen. Damit dieses überhaupt Erfolg haben kann, muss es stichhaltige Fakten enthalten, die den Verdacht auf Dahlgrens Täterschaft untermauern. 

Tschechische Boulevardmedien bezeichnen Dahlgren inzwischen als "Monstrum von Brünn". Eine Petition auf Auslieferung des mutmaßlichen Mörders wird innerhalb weniger Tage von mehr als 3.000 Menschen unterschrieben. Einen Antrag auf Entlassung von Dahlgren aus der Untersuchungshaft gegen Kaution lehnt das zuständige US-Bundesgericht in Alexandria im Bundesstaat Virginia Ende Mai ab.

Am 12. Juli 2013 überstellt das tschechische Justizministerium der amerikanischen Seite endlich das formale Auslieferungsgesuch. Am 12. September beginnt das gerichtliche Auslieferungsverfahren und bringt der tschechischen Seite einen ersten Etappensieg: Das Gericht urteilt, dass alle Bedingungen für eine Auslieferung Kevin Dahlgrens in die Tschechische Republik gegeben seien. Doch die Verteidigung des Amerikaners legt Berufung gegen diese Entscheidung ein.

Landen Dahlgrens Anwälte in letzter Sekunde einen Coup?

Inzwischen ist es ruhiger geworden in der Auslieferungssache Kevin Dahlgren. Die Mühlen der Justiz mahlen indes hüben wie drüben weiter. Gerichtstermine und -fristen bestimmen mittlerweile den Arbeitsrhythmus von Anwälten und Medien. Die tschechische Justiz kann dabei Mitte Januar einen weiteren Etappensieg verbuchen: Die amerikanische Staatsanwaltschaft beantragt beim Gericht in Alexandria, Dahlgrens Widerspruch gegen das im September ergangene Verdikt abzulehnen. In der etwa 50-seitigen Schrift vertritt die Staatsanwaltschaft Auffassung, dass die tschechische Seite sehr überzeugende Beweise vorgelegt habe, dass Dahlgren die ihm zur Last gelegten Taten tatsächlich begangen habe.

Beunruhigend aus tschechischer Sicht dennoch: Die Rechtsvertreter von Dahlgren konzentrieren sich in dem Auslieferungsverfahren gar nicht auf die Frage "schuldig oder nicht schuldig". Denn darüber wird das Gericht in Alexandria am Ende auch nicht urteilen. Sondern sie stellen die Rechtmäßigkeit der Festnahme Dahlgrens in den USA Frage. Haben sie damit Erfolg, so das Kalkül der Anwälte, wäre das gesamte daran hängende Auslieferungsverfahren unrechtmäßig. 

Vier Morde: Ohne Motiv und womöglich ohne Prozess?

Nach der Stellungnahme der Staatsanwaltschaft im Januar ist der Ball ist nun wieder auf Dahlgrens Seite. Bis zum 12. Februar haben seine Anwälte Zeit, auf die Stellungnahme zu reagieren. Ob das Gericht gleich am 12. Februar erneut tagt, ist derzeit noch offen - ebenso, wie der Ausgang der Auslieferungssache Dahlgren. 

Das letzte Wort wird ohnehin das US-Außenministerium haben. Und wie das tschechische Justizministerium bereits im vergangenen Jahr betonte, ist die Zustimmung zur Auslieferung keineswegs nur eine Formalität, da das Außenministerium auch politische Aspekte bei seiner Entscheidung berücksichtige.

Völlig im Dunkeln liegt bisher, welches Motiv Dahlgren für den heimtückischen Angriff auf seine Verwandten gehabt haben könnte. Sollten die Ermittler Erkenntnisse hierzu haben, so ist zumindest davon nichts an die Medien und die Öffentlichkeit gedrungen. Kevin Dahlgren, über den aus den USA von Freunden, Bekannten und Verwandten nur Gutes zu hören ist, wuchs - wie Amanda Knox - völlig unauffällig in einer typischen amerikanischen Mittelschichtfamilie auf. Nichts, so scheint es, hat ihn vom Lebenslauf her prädestiniert, einmal vier Menschen grausam zu ermorden.

Auch im Mordfall Meredith Kercher hatten die Ankläger das Problem, Amanda Knox ein plausibles Tatmotiv nachzuweisen. Sogar am Ende des jüngsten Berufungsgerichtsverfahrens in Florenz überwiegt in dieser Frage Ratlosigkeit. Im Fall der vier Morde von Brünn könnte noch Licht in das Dunkel kommen - sofern Kevin Dahlgren in Tschechien vor Gericht gestellt werden kann. Denn hier liegt ein großer Unterschied: Die Auslieferung stünde hier am Anfang, nicht am Ende des Strafprozesses. (nk)

Bildnachweis:
Policie ČR
Themen: Kevin Dahlgren, Vierfachmord von Brünn, Brünn, USA, Auslieferung, Theodore Simon, Justiz
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