Der Autor

Chris Michalski lebt und arbeitet in Leipzig, wo er 2011-2013 am Deutschen Literaturinstitut studierte.

Texte von ihm werden als Theaterstücke, Hörspiele, Performances inszeniert, erscheinen auch in diversen Publikationen.

Mit verschiedenen Gruppen und Kollektiven entwickelt er außerdem Stücke und Performances, die auf Bühnen und in anderen Räumen aufgeführt werden.

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Blog

| Chris Michalski | 9.7.2026

alles, was es einmal gab (Arbeitstitel)

Auszug

Sehr geehrte
Sehr geehrter
Sehr geehrtes
Liebes
Hallo
Grüß Gott
Ich grüße Sie
Grüße
Moin
Moin moin
Moin moin moin moin
Servus
He
Hi
Willkommen
Herzlich willkommen

Gut, dass Sie da sind.

Was ich richtig blöd finde, ist, dass ich nie genau sagen kann, was ich meine. Egal wie ich spreche oder mit wem, auch mit mir selbst, auch dann ist es falsch. Vielleicht nicht alles. Nicht alles alles alles. Bestimmte Wörter sind manchmal nicht total falsch. Wörter für Dinge,die es gibt. Oder die es mal gab

Wie zum Beispiel der KIRCHENTEICH. Wenn ich Kirchenteich hier schreibe, in diesem Bericht, den ich gerade angefangen habe, für Sie, dann meine ich genau das. Den Kirchenteich. Den gab es. Der stand vor der Kirche. Wobei der nicht wirklich vor der Kirche stand. Der stand überhaupt nicht. Der lag da, auf der anderen Seite des Parkplatzes. Aber den Teich gab es. Und die Enten am Ufer, die doof waren, weil sie immer rumgewatschelt und nie irgendwohin geflogen oder geschwommen sind, weil sie keinen guten Grund hatten. Die Enten gab es auch.

Ich versuche nochmal anzufangen. Jetzt gibt es noch alles. Wir sind alle noch hier. Wir, die das Wort hören, und die anderen, die das Wort nicht hören, die sind auch noch da. Weil es noch nicht gekommen ist, das, worauf wir, also ich und meine Eltern und die Brüder und Schwestern und die Ältesten, worauf wir alle warten. Wenn es kommt, dann werden die anderen weg sein, ihnen wird nichts passieren, sie werden nur verschwinden, als hätte es sie nie gegeben. Aber wir werden bleiben. Um das große Fest zu feiern, das nie endet.

Deswegen muss ich Ihnen jetzt erzählen, was es alles hier mal gab. Deswegen schreibe ich jetzt diesen Bericht. Weil danach, nachdem das kommt, worauf wir warten, dann wird es zuspät sein. Dann wird niemand mehr etwas erzählen. Die anderen werden verschwunden sein. Als hätte es sie nie gegeben. Und wir werden auch nichts mehr erzählen. Weil wir das Fest feiern. Deswegen fange ich jetzt an, diesen Bericht zu schreiben. Für Sie. Wenn Sie kommen.

Weil etwas kommt immer danach. Auch wenn du glaubst, dass etwas niemals enden wird. Alles endet irgendwann. Wenn du da sitzt, in der Schule oder beim Abendgebet im Heiligen Haus oder in deinem Zimmer. In deinem Zimmer in der Nacht. Wenn du wach geworden bist, einfach so, ohne Grund, und da liegst. Vielleicht denkst du, es wird immer so dunkel sein und du wirst immer so allein sein und wirst nie wieder einschlafen. So ist es nicht. Irgendwann wird es wieder hell. Es kommt immer etwas. Deswegen schreibe ich das. Für danach. Für wenn Sie kommen. Damit Sie wissen, was es alles hier mal gab.

Ich fange jetzt noch mal von vorne an. Ich fange mit uns an. Uns gibt es. Wir sind drei. Mit meinem Bruder, meinem echten, waren wir mal vier. Irgendwo gibt es ihn noch, aber er hört das Wort nicht mehr. Deswegen gehört er nicht mehr zu uns. Deswegen zählt er nicht.

Es gibt aber noch mehr. Die Brüder und Schwestern des Wortes gibt es. Die mit uns im Heiligen Haus beten und die an den Türen klingeln und den anderen von dem erzählen, was bald kommt, morgen oder übermorgen. Obwohl die meisten es nicht hören wollen.

Aber der Kirchenteich, der ist jetzt schon weg. Da, wo er einmal lag, ist nur Sand und Erde und diese Pflanzen, von denen ich nicht weiß, wie sie heißen, die einfach so wachsen, ohne dass jemand sie da hingepflanzt hat. Und die Enten, die ich gehasst habe, und das lange Gras und der eklige Schleim, der manchmal auf dem Wasser oben drauf lag und die Frösche oder Kröten, die ich nur gehört, nie gesehen habe, und alles andere, was zum Teich gehört hat, die sind auch schon weg. Oder vielleicht sind sie nur woanders.

Es ist doof, Sachen zu hassen, die einfach da sind. Die nur mit dabei sind, in so einem Wort. So wie wenn jemand zum Beispiel KIRCHENTEICH sagt, da meint die Person auch die Enten. Und auch das Schilf und die paar Bänke (eine steht sogar noch da) und all die anderen Sachen. Wie die Kirche, die wir gar nicht Kirche nennen, das machen nur die anderen. Die gar nicht dahin gehen. Weil sie das Wort nicht hören, nicht hören wollen. Wir, die das Wort hören, die dahin gehen, wir nennen es das Heilige Haus.

Andere Sachen haben auch zum Teich gehört. Zum Beispiel das Spielkasino auf der anderen Seite der Straße. Das hat auch irgendwie dazu gehört. Weil Männer manchmal daraus gekommen und zum Teich runtergelaufen sind und haben da rumgestanden und geraucht und danach die Kippen in den Teich geschnippt. Das Spielkasino und die Männer waren auch Teil davon.

Es ist fast nicht möglich, die Sachen zu trennen. Du kannst nicht nur EINE Sache sagen. Wenn du eine Sache sagst, sind so viele andere Sachen mit dabei. Und wenn eine Sache verschwindet, verschwindet das alles.

Die Männer, die hinter dem Teich geraucht haben und danach wieder ins Spielkasino gegangen sind, die gibt es noch. Ich sehe sie manchmal. Vom Parkplatz aus, wenn es draußen noch hell ist, sehe ich sie, bevor wir ins Heilige Haus gehen oder wenn wir wieder rauskommen. Jetzt rauchen sie direkt vor dem Kasino, auf dem Gehsteig, jetzt wo es keinen Teich mehr gibt.

Und die Nacht gibt es. Immer wieder. Manchmal denke ich, sie wird nie enden.

Niemand hat mir gesagt, dass Sie kommen. Ich weiß es nur. Sie sind schon unterwegs.

Als ich klein war, habe ich vieles sicher gewusst. Ich wusste ganz sicher, dass das Wort, das wir hören, wahr ist. Und dass ich und mein Bruder, mein echter Bruder, immer zusammen sein werden. Immer. Auch wenn es kommt. Dass wir dann zusammen das Fest feiern werden. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. So richtig weiß ich fast nichts. Nur dass alles irgendwann zu Ende geht. Und dass es deswegen kommen MUSS. Bald, morgen oder übermorgen.

Mein Bruder ist irgendwo da draußen. In der Welt. Wir sind nicht Teil der Welt. Er ist nicht mehr Teil von uns.

Sprechanlagen gab es. An den Türen der Häuser, in denen die Menschen gelebt haben. Auf einem kleinen Schild standen die Namen der Menschen, die im Haus gewohnt haben, und neben dran ein Knopf, auf den drücken konntest und da hat es in der Wohnung mit dem Namen der Person geklingelt und wenn sie ran gegangen ist, konntest du mit ihr sprechen. Du konntest ihr von dem Wort erzählen und von dem, was bald kommt. Nur wollten die meisten es nicht hören.

Und den Himmel über dem Teich, blau oder grau, voller Löcher oder glatt, den gab es auch. Den konntest du in dem Teich sehen, wie im Spiegel. Du musstest nicht einmal hochschauen. Und die Tage. Die im Sommer länger waren.

Ich war nur einmal in dem Teich drin. Als ich klein war. Zusammen mit anderen Kindern und mit ein paar Erwachsenen, die dazu gekommen sind. Die Ältesten haben unsere Köpfe hinunter geschoben und da gehalten und wenn sie losgelassen haben und wir wieder aus dem Wasser kamen und wieder atmen konnten, dann waren wir Brüder und Schwestern. Und nicht mehr Teil der Welt. Und mussten immer an das denken, was kommt.

Sonst habe ich den Teich immer nur vom Parkplatz aus gesehen. Oder aus dem hinteren Fenster, wenn wir vorbei gefahren sind. Mein Bruder saß neben mir. Jetzt ist der Teich weg. Mein Bruder auch.

Es tut mir leid. Ich kann nicht so gut schreiben. Ich habe nie in meinem Leben etwas geschrieben. Nur für die Schule. Da müssen wir manchmal etwas schreiben. Aber nicht so viel, nur ein paar Sätze. Und wenn wir schreiben, gebe ich mir nicht wirklich Mühe. Weil Noten sind ja nicht so wichtig. Nichts ist wichtig. Nichts auf dieser Welt. Weil es bald kommt. Morgen oder übermorgen. Und dann ist nur wichtig, ob du das Wort gehört hast oder nicht. Wenn du es gehört hast, dann kannst du das größte Fest aller Zeiten feiern. Wenn nicht, dann halt nicht. Es passiert dir nichts. Du verschwindest nur. Für alle Zeiten.

Aber weil niemand anders es macht, muss ich es machen, diesen Bericht schreiben. Weil wenn alles weg ist, wie sollen Sie sonst wissen, was es alles hier so gab?

Wie war die Reise? Sind Sie gut angekommen?

Autos gab es hier. Und Busse. Fernbusse und Stadtbusse und Shuttlebusse. Und Straßenbahnen. Mit den Bussen und Straßenbahnen, bin ich fast nie gefahren. Mit den Taxis und Züge, die es gab, auch nicht so wirklich. Und auch nicht mit den Flugzeugen. Mit denen die anderen über das Wasser geflogen sind (und über das Land). Im Teich konnte man sehen, wie sie vorbeigezogen sind.

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