Der Autor

Gerd Lemke, Jahrgang 1969, lehrte als Lektor für Germanistik an der Karls-Universität in Prag und lebt dem eigenen Empfinden nach eigentlich schon zu lange in der tschechischen Hauptstadt. Nach einem zweijährigen Auslandsaufenthalt im Kosovo kehrte er dennoch freiwillig zum "Mütterchen mit den Krallen" an die Moldau zurück.

Seinen Geburtstag teilt er mit dem Europameister von 1980, Karl-Heinz Förster. Er ist leidenschaftlicher Literat, glaubt wie Albert Camus, alles im Leben durch das Fußballspiel gelernt zu haben, hat aber im Gegensatz zum großen Existenzialisten nur ein einziges Spiel als Torwart bestritten. Ansonsten tritt er regelmäßig für Partisan Prague gegen das Leder und trifft als stellungssicherer Verteidiger auch schon mal das eine oder andere Schienbein. Für sein Lieblingsteam, die sporadische Zusammenkunft Umělecká Letná, hilft er gerne und treffsicher im Sturm aus.

Im Jahr 2006 hatte er bereits das Sommermärchen in Deutschland und und seit dem alle zwei Jahre die großen Fußballtourniere von Prag aus beobachtet und kommentiert, mit einer täglichen Kolumne für Tschechien Online.

Für prag aktuell ist er bei der Fußball-WM 2026 in den USA, Mexiko und Kanada wieder hart am Ball, wenn es um Tricks, Täuschungen und Taktik im weiteren Sinn geht: Sportsfreund Gerd Lemke.

Im Internet: FacebookFacebook

Weitere Einträge

Fußball WM 2026 in Nord-Amerika: Gerd Lemkes WM-Kolumne aus Prag (11)
Fußball WM 2026 in Nord-Amerika: Gerd Lemkes WM-Kolumne aus Prag (10)
Fußball WM 2026 in Nord-Amerika: Gerd Lemkes WM-Kolumne aus Prag (9)
Fußball WM 2026 in Nord-Amerika: Gerd Lemkes WM-Kolumne aus Prag (8)
Fußball WM 2026 in Nord-Amerika: Gerd Lemkes WM-Kolumne aus Prag (7)
Fußball WM 2026 in Nord-Amerika: „Kebabträume“, Deutsch-Amerikanische-Freundschaft, aka DAF
Fußball WM 2026 in Nord-Amerika: Gerd Lemkes WM-Kolumne aus Prag (5)
Fußball WM 2026 in Nord-Amerika: Gerd Lemkes WM-Kolumne aus Prag (4)
Fußball WM 2026 in Nord-Amerika: Gerd Lemkes WM-Kolumne aus Prag (3)
Fußball WM 2026 in Nord-Amerika: Gerd Lemkes WM-Kolumne aus Prag (2)

Blog

| Gerd Lemke | Rubrik: Sport, Fußball | 13.7.2026

Favoriten bleiben unter sich

Fußball WM 2026 in Nord-Amerika: Gerd Lemkes WM-Kolumne aus Prag (13)

Viertelfinale: England – Norwegen 2:1 n.V., Argentinien – Schweiz 3:1 n.V.

Nachdem mein Traumfinale Belgien gegen die Schweiz bereits am Vortag geplatzt war, setzte ich nun alle Hoffnungen auf Norwegen und die Schweiz. Diesmal wagte ich mich an einen öffentlichen Ort zum gemeinsamen Zuschauen und siehe da, eine Kneipe um die Ecke erfüllte alle Voraussetzungen für einen gelungenen Fußballabend: ein ausreichend großer Flachbildschirm, ein geräumiger Raum mit Sitz- und Stehplätzen, die allen einen freien Blick gewährten, ein hinreichend gemischtes Publikum, zwar interessiert und engagiert, jedoch keineswegs fanatisch und eine aufmerksame Bedienung. Sogar ich, der ich erst zur zweiten Halbzeit eintraf (Vaterpflichten) fand einen idealen Stehplatz mit hohem Tisch zum Anlehnen.

Kabel mit Scorerpunkt

Norwegen spielte das Spiel seines Lebens. England war eher in der Defensive gefordert und hatte J. Bellingham, bereits die Lebensversicherung im Spiel gegen Mexiko. Und Glück beim Ausgleich in der Nachspielzeit der ersten Hälfte, wie ich am folgenden Tag erfahren sollte. Ein weiter und vor allem hoher Schlag vom Tor Norwegens traf ein Kabel, das über dem Stadiondach aufgespannt war, verändert daraufhin seine Flugbahn und landete statt im Angriffsdrittel der Norweger im Mittelfeld bei einem Engländer, der Bellingham in Szene setzte, der sich wiederum ein, zwei Gegenspielern entzog und vor dem Tor die Nerven behielt. Das wunderschöne Tor eines Norwegers mit unaussprechlichem Namen – eine verunglückte Flanke, die sich ins Tordreieck in der langen Ecke senkte – war egalisiert. Und H. Kane machte sogar noch vor der Pause den vermeintlichen Führungstreffer, stand dabei aber knapp im Abseits. Stopp, das ist nicht ganz korrekt ausgedrückt, im Abseits stand er nicht, sondern sein vorgelehnter Oberkörper verursachte das Abseits, die Beine waren wohl noch in der erlaubten Zone.

Tor aberkannt

In der zweiten Hälfte spielte eigentlich nur Norwegen. Ein Tor nach einem Eckball wurde zurecht aberkannt, E. Haaland hatte seinen Gegenspieler mit beiden Händen weggestoßen, etwa so wie W. Anton den Torwart Paraguays beim aberkannten Siegtor Deutschlands. Diese Szene sehen wir bei nahezu jedem Eckball im Dutzend und zieht keinerlei Folgen nach sich, manchmal wird der Nahkampf dem Schiedsrichter zu bunt und er ruft die Textiltester zur Ordnung. Warum gerade hier abgepfiffen wurde ist mir schleierhaft, beide Spieler kamen nicht mal in der Nähe der Flugbahn des Spielgeräts. Keine Führung, kein Sieg, es ging in die Verlängerung. Nun muss ich aber auch mal eine Lanze für den französischen Schiedsrichter brechen, das Spiel an sich ließ er wunderbar laufen, was auch daran lag, dass er es konnte. Beide Mannschaften verzichteten auf ständiges Trikothalten, auf die vielen kleinen Fouls, die nur zu Unterbrechungen führen sollten, so entstand tatsächlich Spielfluss, was wiederum schön anzusehen war.

Pädagogische Maßnahmen

Gut, die Verlängerung ging an England, weil Norwegens Torwart einen eher harmlosen Schuss nach vorne abprallen ließ und Bellingham zur Stelle war. Es lag nun an Norwegen, im subtropischen Klima Miamis am Spätnachmittag zurückzukommen. Die Aufgabe verkomplizierte Trainer Solsbakken zusätzlich, da er seinen Stoßstürmer Haaland aus dem Spiel nahm. Ich weiß nicht, ob diese erzieherische Maßnahme etwas mit der protestantischen Verantwortungsethik zu tun hat, ich komme aus einer durch und durch katholisch geprägten Region. Statt also auf Teufel komm raus hohe Bälle in den gegnerischen Strafraum prügeln zu lassen, um Haaland vorne zu füttern, musste Norwegen das Problem nun spielerisch lösen, was angesichts des großen Substanzverlust in der drückenden Hitze nicht mehr gelang. Englands realistischer Fußball siegte gegen die Himmelsstürmer Norwegens und kämpft nun um den Einzug ins Finale. Sechzig Jahre nach dem Wembley-Tor, vierzig Jahre nach der Hand Gottes und zwanzig Jahre nach Beckhams Kotzanfall neben dem Torpfosten.

Kein zweites Spiel in der Kneipe

So, das erste Spiel war also durch, nun drängte sich die Frage für die Unentwegten auf, was mit dem zweiten Spiel war. Die Kellnerin schüttelte den Kopf, um drei Uhr ist hier Schluss. Das nun war gerade die Anstoßzeit für Argentinien gegen die Schweiz. Ich suchte noch hektisch nach einem Ausweichquartier, landete dann aber erfolglos zu Hause vor meinem Computer, wo ich es immerhin bis zum Ablauf der regulären Spielzeit schaffte, meine Augen aufzuhalten. Vor der Verlängerung war aber Schluss, es war eh klar, wie es ausgehen würde.

Argentinien in Überzahl

Die Schweiz war einen Mann weniger, Embolo (hat der auch einen Vornamen?) hatte nach einer Schwalbe im Mittelfeld seine zweite gelbe Karte gesehen, damit war das Spiel entschieden, obwohl es noch Unentschieden stand. Die FIFA ließ anderntags ein mehrseitiges Communiqué veröffentlichen, in dem die Rechtmäßigkeit des Platzverweises wegen „Spielerverwechslung“ nachgewiesen wurde. Die gelbe Karte war nun mal gezogen, jetzt musste sie auch einer bekommen, wenn nicht der Argentinier, dann eben der Schweizer, so die bestechende Logik der Hüter des Regelwerks aller Regelwerke, das mit jedem Jahr komplizierter wird. Fußball ist ein einfaches Spiel... von wegen, das war früher mal so.

Und was das Kabel im Fußballstadion betrifft, das hat der Chips im Ball, der sogar das Streifen eines Kopfhaares registriert, nicht wahrgenommen. Da kann auch der Mensch nichts machen. Irgendwo habe ich gelesen, der Ball sei einfach zu hoch gewesen. Ach so, na dann... nächstes Mal eben niedriger schießen.

Bildnachweis:
Fifa.com

Auch interessant