
Erwähnte Begegnungen: Kanada – Südafrika 1:0, Brasilien – Japan 2:1, Deutschland – Paraguay 1:1 n.V., Niederlande – Marokko 1:1 n.V., Norwegen – Elfenbeinküste 2:1, Frankreich – Schweden 3:0
Es ist das berühmt-berüchtigte Sechzehntelfinale, bekanntermaßen schwer zu spielen, noch nie hat eine europäische Mannschaft diese Runde überstanden – und dann auch noch bei dieser europafeindlichen Weh Emm, die sich anschließend auf das Reich des Obermaga nach Trumpistan zurückzieht. Sechzehntelfinale – das klingt wie die Klippen von Gibraltar, das ist das Kap Hoorn der früheren Segelschifffahrt oder die Straße von Hormus in unseren Tagen, wer dort durch will, braucht viel Glück, Protektion und etwas Kleingeld in der Tasche. Der Iran, prädestiniert als Leitschiff für die gefährliche Passage, fällt leider aus. Unbesiegt auf dem Feld, das auch noch in Feindesland, kappt eine absurde Abseitsentscheidung das Weiterkommen aus der Gruppe. Zur Erinnerung, der Torwart irrt an der Fünfmeterlinie herum, kann den Ball nicht kontrollieren und ein Iraner netzt am die Torlinie bewachenden Gegenspieler vorbei ein. Daraus konstruiert der Videoassistent das absurdeste Abseits der Geschichte, was zwingend die Dringlichkeit der Reform der Abseitsregel auf die Agenda setzt. So nicht, ihr Winkeladvokaten des Sportrechts bewaffnet mit angeblich untrüglichen Beweisbildern von unfehlbaren Kameraaugen und – jetzt der Höhepunkt – kalibrierten Linien aus 3-D-Modellen, welche die Wirklichkeit simulieren. Wer simuliert hier denn was, das Videospiel den Sport oder der Sport das Videospiel?
Iran leider nicht mehr dabei
Ich hatte das Ausscheiden des Irans zunächst gar nicht registriert. In meiner kleinen Gedächtnisübung konnte ich immerhin 16 von 18 ausgeschiedenen Ländern aufzählen, Nummer 17 war Haiti, na ja, das kann einem schon mal durchrutschen, von denen habe ich auch kein Spiel in voller Länge gesehen und bei 72 Zusammenschnitten von Vorrundenspielen, kann man schnell mal was übersehen. Oder erinnert sich noch jemand an die Tore der USA gegen Paraguay, immerhin das Eröffnungsspiel der Veranstaltung in Trumpistan?
Kanada schlägt Südafrika
Spiel 1 des Sechzehntelfinales, die Uraufführung dieser Raushauphase, endet nach einem späten Tor 1:0 für Kanada (oder war es doch ein 2:1?) gegen „aufmüpfige“ Südafrikaner (Zitat aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen Deutschlands. Ich muss anschließend meiner 9-jährigen Tochter erklären, was dieses Wort überhaupt bedeutet. Dann schaltet sich meine linguistische Hirnregion ein: -ig, heißt das nicht, dass dieses Wort von einem Verb abstammt? Gibt es das Verb „aufmüpfen“? Oder etwa „aufmupfen“? Der Duden zumindest kennt beide nicht. Um Aufklärung wird gebeten.) Der Sieg war verdient, das Spiel eher zäh und der co-Gastgeber eine Runde weiter. Am nächsten Tag eröffnet Brasilien gegen Japan, wieder entscheidet ein sehr spätes Tor und der Favorit kommt nach einer Leistungssteigerung weiter. Dann kommt Deutschland.
Oliver Neuville kurz vor Schluss
Deutschland gegen Paraguay, ich gehe in meinem Gedächtnis ein paar WMs durch, bis ich im richtigen Jahr lande: 2002, Achtelfinale, ein Spiel gegen eine gnadenlos mauernde Mannschaft, bei dem man aufpassen musste, sich nicht aus eigener Dummheit ein Gegentor zu fangen. Damals ging alles gut, Titan Kahn stand im Tor und Oliver Neuville traf in der vorletzten Minute, das reichte zum Weiterkommen.
Ich befürchte lange vor dem Anpfiff, diesmal gibt es eine ähnlich zähe Angelegenheit. Und bei dem Blick auf das Schiedsrichtergespann beschleicht mich ein mulmiges Gefühl. Und alles wird noch viel schlimmer als vor 24 Jahren, die WM der schlechtesten deutschen Mannschaft, die je ein WM-Finale erreicht hat.
Gleich zu Beginn schusseln sich Abwehr und Torwart Neuer beinahe einen Ball ins eigene Tor. Dann folgen mehr als zwei Stunden Halten, Reißen, Stempeln, wie man das absichtliche Treten auf den Fuß des Gegenspielers heute nennt, Stoßen, das vom Unparteiischen wahllos mal abgepfiffen, dann wieder durchgehen lassen wird. Er scheint da nach einem Zufallsprinzip zu beurteilen und da es keine erkennbaren Richtlinien gibt, kennen die Spieler auch keine Grenzen und probieren so ziemlich alles aus. Die Karten scheinen sich auch irgendwie in der Brusttasche verklemmt zu haben, da muss schon einiges passiert sein, bis er eine Karte herauszerrt.
Deutschland tappt in die Falle
Deutschland tritt munter mit, was ich zunächst gut finde, man darf sich nur nichts gefallen lassen. Zu spät erkenne ich die Falle, nicht nur dass der Spielfluss endgültig versiegt, sondern die Spieler vergessen nahezu alle spielerischen Fähigkeiten. Was hier gezeigt wird, ist nach zwei Toren auf der einen wie auf der anderen Seite ein anderer Sport, der nur zufällig mit demselben Spielgerät und der gleichen Anzahl von Beteiligten ausgeübt wird. Das hat nichts mehr damit zu tun, was ich liebe und wozu ich bei einer Weh Emm so viel Zeit vor dem Bildschirm verbringe.
Es mag eine notwendige Konzession an den blutheischenden Obermaga von Trumpistan und dessen Schwäche für Käfigkämpfe, genannt mixed martial arts, sein, um dessen Wohlwollen bis zum Ende der Weh Emm aufrecht zu erhalten, die ja noch knapp drei Wochen dauert. Und am Ende soll der Obermaga den Fifa-Pokal überraschen. Schon jetzt zittert die Führungsschicht der Weltfußball-Verscherbel-Clique diesen Moment herbei. Wird der Obermaga den Pokal auch tatsächlich übergeben? Selbst, wenn ein Land gewinnt, in das er demnächst einen Feldzug zu unternehmen trachtet? Das Ding besteht aus fast fünf Kilo purem Gold, da ist schon so mancher schwach geworden...
Massenkeilereien nach Ecken
Höhepunkt dieses neuen Sports, der zunächst weiterhin den Namen Fußball trägt, sind die Massenkeilereien vor dem Tor nach Eckbällen. Ohne Not hat die Fifa die bewährte Regel abgeschafft, dass der Torwart in diesem eigens durch Linien abgegrenzten Torraum (genannt Fünfmeterraum, im neu-Deutschen: kleine Box) besonderen Schutz genießt und nicht angegangen werden darf. Was heißt hier angegangen, angesprungen, geblockt, am Herauslaufen und Hochspringen gehindert sollte man sagen. Arsenal London hat als erstes Team begriffen, welches Potential in dieser scheinbar so kleinen Regeländerung liegt und seine erste englische Meisterschaft seit der Ära Arsène Wenger mit diesem und weiteren destruktiven Mitteln eingefahren. Wenger würde sich im Grab umdrehen, wenn er schon tot wäre, aber er lebt ja noch und ich weiß nicht, wie er über die Art und Weise des Erfolgs seines früheren Clubs denkt.
Deutschland fühlt sich betrogen
Ich erwähne das alles, weil Deutschland ja noch den vermeintlichen Siegtreffer in der Verlängerung köpft, eben nach so einer Keilerei, nur dass der Schiedsrichter den Treffer annulliert. Ganz Deutschland ist empört und fühlt sich betrogen – psychologisch durchaus nachvollziehbar, bei dem, was bei dieser Weh Emm alles durchgegangen ist war der Schubser von W. Anton ein Witz. Andererseits aber auch nicht, denn es war ein Schubser am Torwart, mit beiden Händen und das sollte auch abgepfiffen werden, nur eben bei dieser Weh Emm meistens nicht. Doppelt bitter, dass der Torwart den Ball höchstwahrscheinlich weder abgefangen noch gehalten hätte, wenn Anton da einfach nur vor ihm stehengeblieben wäre. Und da sind wir dann wieder beim Trainer. Warum gibt er diese Anweisung überhaupt? Warum muss er wieder mal zeigen, wie innovativ er ist, wie sehr auf der Höhe seiner Zeit und mit allen modernen Entwicklungen Schritt haltend, die er mit einer Nationalmannschaft überhaupt nicht vernünftig einstudieren kann. Und wenn das denn unbedingt sein muss, warum lässt er die Aufgabe dann nicht einen seiner Spieler aus der englischen Bundesliga ausführen, die damit mehr Erfahrung haben? Es war doch sogar Woltemade im Spiel.
Nagelsmann kann Ancelotti nicht das Wasser reichen
Hol mich der Teufel, der Mann ist einfach zu jung für den Posten, da lobe ich mir beispielsweise Brasilien, das erkannt hat, dass ein extrem gut gereifter C. Ancelotti genau der richtige ist, der seinen Erfolgsjahren bei Real Madrid niemandem mehr etwas zu beweisen braucht. Der Vollständigkeit halber: Deutschland verliert das Elfmeterschießen, das gab es bei einer Weh Emm zum ersten Mal, und im zdf-Fernsehtribunal kocht die Volksseele in Person von Chr. („ist das das WM-Endspiel?“) Kramer und P. „Eistonne“ Mertesacker. Einzig ex-Trainer Chr. Streich bricht noch eine Lanze für den ehemaligen Berufsgenossen, was aber ein Teil Deutschland wegen Streichs notorischem badischen Dialekt erst gar nicht versteht.
Reminiszenz an 2018 und 2022
Mal wieder frühzeitig rausgeflogen, es berührt mich kaum, ich lasse Kramer, der von sich selbst sagt, einen unterdurchschnittlichen IQ zu haben und deshalb froh sein kann, im Fußball untergekommen zu sein, und seine Spießgesellen Stäbe über Trainer und Spieler brechen und gehe ins Bett. 2018 war ich noch empört, wie stumpfsinnig und einfallslos J. Löw die Mannschaft auf Südkorea auflaufen ließ, 2022 war es dann nur noch Kopfschütteln, wie H.-D. Flick seine Mannschaft daran hinderte, Costa Rica eine Packung einzuschenken, diesmal herrscht Gleichgültigkeit.
Neuer hält einen Elfer
Überrascht bin ich von M. Neuer, der immerhin einen Elfmeter hält, denn in seiner Karriere ist er nicht gerade als Elfmeter-Killer bekannt geworden; meist entscheidet er sich früh für eine Ecke, wenn der Schütze die Kunst des Verzögerns halbwegs beherrscht, hat er leichtes Spiel. Wie auch 2018 muss man sagen, Neuer hat keinen entscheidenden Fehler gemacht, er hat aber auch keine unhaltbaren mehr gehalten. (Bei 2022 bin ich ganz anderer Meinung, das Japan-Spiel ging auch auf seine Kappe.) Die ganze Rückholaktion hat sich im Nachhinein als völlig überflüssig erwiesen, ich bin mir sicher, mit O. Baumann hätte es nicht schlechter ausgesehen. Und Paraguays Tor, ein Kopfballaufsetzer aus elf Metern, nicht sonderlich platziert neben dem Torwort reingehend, hält man nun mal auch nicht, wenn man nur überrascht hinterherschaut. Fußball-Deutschland hat den als unhaltbar deklariert, ach ja, die Neuer-Verehrung eben. Das wird’s jetzt aber hoffentlich gewesen sein mit Neuer und der Nationalmannschaft, es ist jetzt wirklich mal gut.
Holland scheitert auch im Elfmeterschießen
Am nächsten Tag schaue ich in der zeitversetzten life-Atmosphäre Holland, mittlerweile unter dem korrekten Landesnamen Niederlande auftretend, gegen Marokko. Europa ist hier keinesfalls Favorit, da Marokko ja quasi auch Europa ist, da ist ja fast niemand im Kader im Atlas-Gebirge geboren oder hat seine balltreterische Ausbildung bei Raja Casablanca durchlaufen. Nach ein paar Minuten habe ich keine Lust mehr weiterzuschauen. Ein Marokkaner springt bei einem Kopfballduell eine Pirouette ohne Chance auf eine Ballberührung ein, die er mit einem punktgenauen Ellbogenstoß gegen das Kinn des Gegenspielers abschließt. Der VAR macht den Schiedsrichter zwar darauf aufmerksam, doch der nimmt die Angelegenheit bloß zur Kenntnis und geht zur Tagesordnung über. Später schaue ich dann doch weiter und da blutet der holländische, äh, niederländische Spieler schon am Kopf. Die Partie ufert in der zweiten Hälfte jedoch nicht in eine Gewaltorgie aus, es wird auch Fußball gespielt und Marokko dominiert weite Teile dieser zweiten Hälfte das Spiel. Trotzdem geht’s ins Elfmeterschießen, das am Ende Marokko glücklich gewinnt. Also ist der nächste europäische Mitfavorit raus, ganz nach der These des Obermagas und seiner Schergen vom rückständigen und hoffnungslosen Kontinent.
Norwegen rettet Europa
Erst Norwegen, bezeichnenderweise nicht Mitglied der EU, rettet die Ehre des alten Kontinents, und das in einem sogar ansehnlichen Spiel, in dem beide Mannschaften Lust auf Fußball haben. Natürlich staubt Haaland den Siegtreffer nach einer blitzsauberen Kombination ab, vor der Norwegen den Gegner gehörig eingeschläfert hat. Jetzt geht’s für die Nordmänner gegen Brasilien.
Später kann für Europa nichts schief gehen, denn Frankreich und Schweden spielen den Achtelfinalgegner Paraguays aus. Schweden müht sich ordentlich und hält eine Zeitlang gut mit, doch die Offensivkraft der Franzosen setzt sich am Ende mit dreinull durch.
P.S.: „Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“ (Bundeskanzler F. Merz nach dem Paraguay-Spiel) – Ich würde sagen, der Mann hat die Stimmung im Land etwas falsch eingeschätzt.