
Erwähnte Spiele: Kongo – Usbekistan 3:1. Kroatien – Ghana 2:1, England – Panama unbekannt, Kolumbien – Portugal 0:0, Österreich – Algerien 3:3
Usbekistan gegen die Demokratische Republik Kongo – was kann es für ein besseres Spiel geben, die Vorrunde dieser megagaga Weh Emm abzuschließen? Den ganzen vorangehenden Tag kämpfe ich schon mit Gewissensbissen, mich viel zu wenig dem usbekischen Fußball gewidmet zu haben. Was weiß ich schon darüber? Nichts.
Cannavaros Trainerkarriere
Die erste Überraschung sitzt auf der Trainerbank in Person von Fabio Cannavaro, dem einzigen Italiener bei dem Weltgroßwettkampf der Balltreter. Das also ist aus dem Weltmeister von 2006 geworden, da war er doch sogar Kapitän bei den Sommermärchenverderbern. (Aber wir haben uns das Sommermärchen nicht verderben lassen. Ein dritter Platz ist manchmal mehr wert als ein Sieg.) Hat er nicht als einziger Abwehrspieler so eine Auszeichnung wie Weltfußballer des Jahres bekommen? Das sind diese Auszeichnungen, bei denen laut Ph. Lahm, ein anderer Mannschaftskapitän einer Weltmeistermannschaft, nie Abwehrspieler ausgesucht werden. Lahm trauen wir da eine gewisse Expertise zu, schließlich hat ihn P. Guardiola, der „Philosoph“ (Zitat: Z. Ibrahimovic), als intelligentesten Spieler bezeichnet, mit dem er je zusammenarbeiten durfte. Und Lahm hat sogar auf zwei Abwehrpositionen gespielt.
Also, Cannavaro sitzt jetzt auf der Trainerbank von Usbekistan und hat sich in diesem Turnier für höhere Aufgaben beworben, vielleicht kommt ja nächste Woche schon ein Anruf aus Jordanien. Denn dann hat Cannavaro wieder frei; dass sich Usbekistan noch für das Sechzehntelfinale qualifizieren würde, war bereits vor dem Anpfiff reine mathematische Spielerei. Der Kongo hingegen, also das frühere Belgisch-Kongo, später dann Zaire, um Verwechslungen mit dem anderen Kongo, der früheren französischen Kolonie, vorzubeugen, konnte noch alles gewinnen oder verlieren. Mit einem Sieg war man sicher in der Raushauphase, mit weniger sicher auf dem Weg über den Atlantischen Ozean. Das war eine tolle Konstellation für eine interessante Partie, fand ich und schaue sie im bewährten System der zeitverschobenen life-Atmosphäre an.
Vom ewigen Luka Modric
In echt life schaffe ich am Spieltag nur das Kroatien-Spiel (Anpfiff: 23h MESZ). Auch nach intensiver Suche finde ich keine Lokalität, wo sich kroatische Fans zu gemeinsamem Mitfiebern versammeln. Das war bei früheren Turnieren noch anders. Also gehe ich in Freds Bar, wo Freds ex-Frau ordentlich mit den Fernbedienungen zu kämpfen hat, um meinem Fußballsehwunsch zu erfüllen. „Nein, nicht das England-Spiel, das ist langweilig. Kroatien möchte ich sehen.“ Als letztes Mittel greift sie zum Fernsprecher, um sich von Fred höchstpersönlich instruieren zu lassen. So etwas wie Tschechisches Fernsehen schaut keiner der Gäste, das ist schwer bei all den Satelliten und Kabeln zu finden. Es sind aber auch fast keine Gäste da, die Stadt ist wie leergefegt, ich habe das Exklusivrecht. Das war hier auch schon mal anders.
Wo kann man Kolumbien sehen?
Schließlich verirrt sich ein Carlos aus Kolumbien auf der Suche nach einem Ort für das Mittelspiel (2h MESZ) seines Heimatlandes gegen Portugal in Freds Bar. Die wird es nicht, denn die schließt kurz nach dem Halbzeitpfiff. Was also tun? Carlos spekuliert auf einen Ort bei mir um die Ecke, wir gehen auseinander, jeder zunächst nach Hause, mit einer losen Verabredung für später. Ich schaue also zu Hause, wie der ewige Luka Modric seine Mannen souverän in die Haurausphase führt und gehe anschließend ins Bett. Es war ein langer, heißer Tag. Selbst meine Biervorräte haben sich an diesem Abend nur unwesentlich dezimiert. Man kann es deutlich spüren, die Vorrunde (72 Spiele in 16 Tagen) schlaucht gewaltig. Und Kolumbien erzielt trotz drückender Überlegenheit nur ein torloses Remis gegen Portugal, bei denen C. Ronaldo („es gibt nicht nur einen Scheiß-Ronaldo“) eigentlich im Zusammenschnitt gar nicht zu sehen ist, Portugal scheint nicht einen einzige Angriff gespielt zu haben.
Usbekistans Traumtor
Jetzt zum wiederholten Mal zurück zu Usbekistan, das gleich nach dem Anpfiff ein Tor schießt. Leider Abseits, mein Gott, wie ich diese Regel zu hassen beginne! Dann aber doch die usbekische Führung durch einen wunderschönen Heber vom Strafraumeck, der sich exakt in den Winkel senkt. Jetzt ist Feierstimmung in Süd-Korea, mit diesem Ergebnis wäre man als achter Gruppendritter in der Raushauphase dabei. Der Obermaga von Trumpistan würde jetzt hysterisch kreischen: „stop the counting“, also playing, doch leider ist noch mehr als eine Stunde zu spielen und jedes Spiel hat wie jede Münze zwei Seiten, äh, Halbzeiten, ähm, ihr wisst schon, wie ich es meine.
Der Kongo kommt zurück, dreht das Spiel, macht den Deckel drauf und gesellt Süd-Korea zu Usbekistan und Tschechien und Uruguay und Jordanien und Schottland und Curacao und und und, die alle heim in den Urlaub fahren dürfen, es teilweise auch schon sind.
Ausgeschieden sind:
Kleines Spiel zum Abschluss: Bekomme ich alle 16 ausgeschiedenen Teams zusammen? Neben den sieben oben genannten sind das noch Neuseeland, richtig – Österreich übrigens nicht, wie ich im Zusammenschnitt sehe. In einem spektakulären 3:3 gegen Algerien kommt Österreich doch noch weiter. Ich habe es nicht nachgerechnet, aber bei einer Niederlage wäre es echt knapp geworden. Also, Österreich ist dabei, aber nicht mehr Panama und natürlich Tunesien und die Türkei, der Irak ist auch ausgeschieden. Katar und Saudi-Arabien, natürlich, die waren ja auch dabei. Und das letzte ausgeschiedene Land will mir nun partout nicht einfallen. Vielleicht Algerien? Dann wäre der Ausgleich in der Nachspielzeit der Nachspielzeit noch bitterer gewesen. Egal, ich freue mich schon auf etwas noch nie Dagewesenes, das Sechzehntelfinale einer Fußball Weh-Emm, eröffnet von Südafrika und Kanada. Wenn das nicht richtig aufregend ist!