
Erwähnte Spiele: USA – Australien 2:0, Deutschland – Ecuador 1:2, Iran – Ägypten 1:1, Frankreich – Norwegen 4:1, Belgien – Neuseeland 5:1, Niederlande – Tunesien 3:1, Schweden - ? 1:1
Noch eine Nacht, dann sind alle Messen gelesen, alle Entscheidungen gefallen, dann ist nämlich die Vorrunde vorbei und dann geht es gleich weiter in die Raushauphase mit dem ersten Spiel Südafrika gegen Kanada. Das verspricht einen deftigen Schlagabtausch, bei dem die kampfheischenden Zuschauer auf ihre Kosten kommen dürften.
Iran in der Höhle des Löwen
Es ist Samstagnachmittag, ich habe gerade das dramatische Ende des Spiels Iran gegen Ägypten hinter mich gebracht. Draußen herrschen 38°C, ich wüsste wirklich nicht, was es Besseres zu tun gäbe, endlich klappt das Kunststück der zeitversetzten life-Atmosphäre. Ägypten hat wohl groß eingekauft, neben M. Salah spielen jetzt auf Trezeguet und Zico für die Pharaonen. Ich hatte sie noch aus anderen Zeiten bei anderen Mannschaften in Erinnerung. Iran muss hingegen in der Höhle des Löwen, in Washington D.C., antreten. Zum freundlichen Empfang hat der Ober-Maga von Trumpistan wieder mit der Bombardierung des Iran begonnen. Das ist aber nicht als kriegerische Handlung zu verstehen, denn den darf der Ober-Maga gar nicht führen und außerdem sind die Friedensverhandlungen in greifbare Nähe gerückt, wie wir seit Wochen hören. Der Ober-Maga ist jetzt 80 Jahre alt, da vergisst man schon mal, was gestern war. Wie sagte doch der seinerseits greise Altkanzler K. Adenauer so schön: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?“
Engagement in Venezuela?
Die Spieler stehen brav eine Minuten still und denken an die Erdbebenopfer in Venezuela, dem Staat, den Trumpistan annektieren möchte. Mensch, Ober-Maga, das wäre doch jetzt mal eine schöne Aufgabe, die Ärmel aufzukrempeln, Präsenz vor Ort zu zeigen und schnell und unbürokratisch zu helfen.
Das Spiel selbst ist schnell erzählt, am Anfang geht’s turbulent zu, Ägypten führt, dann verschisst der Iran einen hanebüchen verschuldeten Elfmeter, um kurz darauf doch auszugleichen. Da ich die Zusammenfassung des Parallelspiels vorher gesehen habe, in dem Belgien Neuseeland locker weghaut, selbst Lukako und de Bruyne treffen ins Tor, weiß ich, dass Ägypten gewinnen muss, um Gruppensieger zu werden. Das ist eben der Informationsvorsprung durch die Zeitverschiebung bei der zeitversetzten life-Atmosphäre.
Kann man da Abseits pfeifen?
Dann ist da viel Leerlauf, alle paar Sekunden kugeln sich Spielertrauben auf dem Rasen, es erinnert an die zweite Hälfte des Spiels USA gegen Australien. Ganz am Ende geht es noch mal rund, aus einer unübersichtlichen Situation im Fünfmeterraum fällt ein Zufallstor für den Iran, das die Tabelle komplett umstoßen würde. Die Spieler feiern, als gäbe es kein Morgen, dabei sind noch vier Minuten zu spielen. Und dann kommt da der unerbittliche Video-Assistent, die Spaßbremse schlechthin im Stadion. Wo kein menschliches Auge bei dem Gewirr von Fußballschuhen, Bärten und Tätowierungen noch etwas erkennen kann, weist er ein absurdes Abseits nach. Alleine die ausgleichende Gerechtigkeit und das grottenschlechte Abwehrverhalten von Torwart und Abwehrspielern hätten dieses Tor verdient. Tut mir leid, aber wenn mehr als jeweils zwei abwehrende und angreifende Spieler den engen Raum vor dem Tor bevölkern, sollten solche Milimeter-Abseitsentscheidungen aufgehoben sein. Das ist gegen den Geist der Regel und kleinkarierteste Prinzipienreiterei.
Angestachelt davon, zündet der Iran in den letzten vier Minuten ein Offensivfeuerwerk ab, trifft noch mal die Latte und erzwingt Rettungstaten in höchster Not, aber des Ergebnis hat Bestand. Ägypten wird zweiter, der Iran dritter und müsste es nach menschlichem Ermessen mit drei Unentschieden in die Raushauphase geschafft haben. Die Spieler des Iran werden anschließend noch in Fußballschuhen in einen Bus verfrachtet und werden umgehend wieder nach Mexiko deportiert. Das dauert eben ein klein bisschen länger als bei den vorherigen Spielen in Los Angeles. Morgen, gegen 13.15h sollten sie an der Grenze ankommen, wo sie dann von den Beamten immerhin bevorzugt behandelt werden. Fairness muss sein.
Ecuador kommt weiter
Vom deutschen Team können wir uns so langsam verabschieden, nicht etwa wegen der Niederlage gegen Ecuador, die war ja schnurzpiepegal. Bei dem Spiel ging es ja nur darum, dass sich keiner verletzt, Musiala Spielpraxis sammelt und ein paar Ersatzspieler aussortiert werden. Ein Kandidat ist sicherlich A. Stiller, auf den Nagelsmann hoffentlich nicht wird zurückgreifen müssen. Der wirkte in seinen paar Minuten wie ein B-Jugendspieler, den es in die Männermannschaft im Spiel gegen den FC Rumpelbein verschlagen hat. Um das Spiel zu sehen, muss ich mich wieder an das deutsche Fernsehen wenden und die Entsetzensarien des Reporters über mich ergehen lassen, die sich über die Fassungslosigkeit-Koloraturen in die beredte Sprachlosigkeitsekstase steigern. Bleibt doch mal ein bisschen gelassen, natürlich wollte Ecuador den Sieg mehr als Deutschland, weil sie ihn auch brauchten, um nicht vorzeitig heimfahren zu müssen und in der Heimat standrechtlich erschossen zu werden. Was konnte Deutschland bei dem Spiel gewinnen? Richtig, nichts. Das kann man dann ruhig auch mal sagen, finde ich, und man muss nicht den Rächer des enterbten Rundfunkgebührenzahlers geben, der sich in seiner nationalen Ehre durch die Niederlage auf den Schlips getreten fühlt. Schön blöd wäre es gewesen, sich mit Mann und Maus gegen die Niederlage zu stemmen und seine Kräfte für nichts zu vergeuden. Man kann Ecuador andererseits diesen Sieg ja auch mal gönnen und sich fragen, wie es sein kann, das Torwart M. Neuer im bereits dritten Spiel seine erste Parade zeigt, nachdem er im Turnier schon drei Gegentreffer kassiert hat, die alle als „unhaltbar“ deklariert werden. Schießen die Gegner gegen Neuer jetzt so wenig, dafür aber so gut?
Uruguay wechselt den Torwart aus
Vielleicht schaut man da mal über den Tellerrand, denn Uruguays Neuer, Beruf Torwartlegende, der eigens für das Turnier zurückgeholt wurde, hat nicht nur ein Gegentor, sondern das ganze Turnierversagen auf dem Gewissen. Nach den Kapriolen gegen die Kapverden, die einen fest eingeplanten Sieg gekostet haben, lenkt er einen an sich wenig gefährlichen Aufsetzer im entscheidenden Spiel gegen Spanien in die Maschen. Er ist mit der Hand an dem nicht sonderlich scharf geschossen und platzierten Schrägschuss dran, aber irgendwie will er ihn nicht abwehren. Trainerlegende Marcelo Bielsa (das Trainer-Idol der Star-Trainer) erkennt das natürlich und wechselt ihn konsequenterweise in der Pause aus.
Spanien schießt kein Eigentor
Aber bei Uruguay hing es nicht nur am Torwart, Spanien lädt den Gegner durch ungewohnte Fehlpässe im Spielaufbau immer wieder ein, doch endlich den Ausgleich zu schießen und Uruguay das Weiterkommen zu ermöglichen. Spanien tun wirklich alles, vergibt beste Chancen oder spielt sie nicht zu Ende, nur eins tut es nicht, ein Eigentor schießen. Aber Uruguay bekommt es einfach nicht hin, da das Zusammenspiel überhaupt nicht klappt. Einzelaktionen, lange Bälle und Kampfkraft können es nicht erzwingen. Den Abschluss des unrühmlichen Turniers bildet eine glattrote Karte wegen überharten Spiels, die durfte bei Uruguay auf keinen Fall fehlen, um unter Beweis zu stellen, das die Spieler alles, aber wirklich alles gegeben haben. Diese Mannschaft brauchte keinen Bielsa als Trainer, sie hätte sich Diego Simeone von Atletico Madrid ausleihen sollen, das hätte weit besser gepasst. Ich hoffe, Nagelsmann hat's gesehen und zieht die richtigen Schlüsse daraus!
Norwegen taktiert
Denn, vorausgesetzt gegen Paraguay gelingt das Weiterkommen, dann geht’s im Achtelfinale wohl gegen Frankreich. Das taktiert im Spiel der punktgleichen Tabellennachbarn gegen Norwegen kein bisschen auf Platz zwei und dem Ausweichen von Deutschland. Vielmehr ist es Norwegen, die Superstar Haaland auf der Bank lassen und von Anfang an klar machen, wir wollen nicht gewinnen. Dementsprechend sieht auch die Abwehrtaktik aus, die Vorgabe lautet, die schnellen Spitzen nicht eng zu markieren, sondern an der langen Leine laufen zu lassen. Mbappé trifft nach wenigen Sekunden die Latte, kurz danach Dembelé das Tor, dann noch mal und noch mal, dazwischen kann auch Norwegen eine Unachtsamkeit zu einem Tor nutzen. Es entwickelt sich ein munteres Spiel, in dem sorglose Franzosen Norwegen in der zweiten Hälfte einige Gelegenheiten bieten, doch nicht einmal ein Elfmeter reicht zum Anschlusstreffer. Wenn hier Haaland auf dem Platz gestanden hätte, denke ich mir und ärgere mich, bin aber gleichzeitig erleichtert, da ich im kleinen Tippspiel mit einem Kunden auf Norwegen gesetzt habe. Er hat die richtige Tendenz (Sieg für Frankreich), aber weder die richtige Tordifferenz, geschweige denn das richtige Ergebnis. Insgesamt müsste wir beide punktgleich sein, rechne ich, denn ich hatte mit Niederlande – Tunesien und Schweden gegen, ja, gegen wen eigentlich?, immerhin zwei richtige Ergebnisse in meinen sonst eher unzutreffenden Prognosen.
So, eine Nacht noch, dann noch ein Tag, dann geht die Hitzewelle endlich vorbei. Und das Turnier kann beginnen.